Für seine grosse Sonderausstellung 2019 mit dem Titel «Frühes Mittelalter. Dunkle Zeiten?» nutzt das Geschichtsmuseum Wallis das Ausstellungszentrum Le Pénitencier und beschäftigt sich mit dem Frühmittelalter.

Auf der Grundlage der in den letzten Jahrzehnten durchgeführten archäologischen und historischen Forschungen bricht die Ausstellung mit den üblichen Klischees, die das Frühmittelalter mit dunklen Zeiten und den Invasionen der Barbaren gleichsetzen und ermöglicht es, diese Zeitperiode aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Begleitend zur Ausstellung wurde eine Publikation herausgegeben.

Frühes Mittelalter. Dunkle Zeiten?

Die Zeitperiode zwischen dem Ende des Römischen Reiches (5. Jahrhundert) und dem Jahr 1000, das Frühmittelalter, ist schlecht bekannt. Es wird mit dunklen Zeiten gleichgesetzt, mit den Einfällen der Barbaren, die die römische Zivilisation zerstört hätten, mit dem triumphalen Einzug der neuen Religion, dem Christentum und mit dem berühmten Kaiser Karl dem Grossen, der die Schule erfunden haben soll. Die archäologischen und historischen Forschungen der letzten Jahrzehnte entkräften solche Klischees. Das Frühmittelalter entsteht und bereichert sich durch mannigfaltige soziale und kulturelle Veränderungen, die es durchziehen und auf deren Grundlage sich ein strukturiertes und stabiles System herausbildet: das Feudalsystem des Mittelalters.

Eine Ausstellung, die mit falschen Vorstellungen aufräumt

Die Ausstellung lädt dazu ein, das Frühmittelalter zwischen Alpen und Jura neu zu entdecken, indem Erkenntnisse von Archäologen, Historikern und anderen Spezialisten dieser Zeitperiode vermittelt werden. Nach einem Blick auf die früheren Forschungen und die Schulbücher, die mehrere Generationen gekannt haben, beginnt der Parcours mit einer Vorstellung der Zeittafel des Frühmittelalters. Im ersten Stock werden die Besiedlung des Gebietes und der Handelsaustausch vorgestellt. Der zweite Stock ist der christlichen Religion gewidmet, die das Frühmittelalter stark geprägt hat. Ein Raum, der die Sprache und Schrift thematisiert und insbesondere die Zweisprachigkeit des Wallis (und der Schweiz), die auf diese Zeit zurückgeht, leitet in den dritten Stock über. Auf diesem Niveau wird die bei archäologischen Ausgrabungen geborgene materielle Kultur ausgestellt. Ein besonderer Ausstellungsraum ist den Bestattungen vorbehalten: diese repräsentieren die verschiedenen Riten, die im Verlauf der Jahrhunderte in Gebrauch waren.

Aussergewöhnliche Leihgaben

Die Grosszügigkeit mehrerer Institutionen ermöglicht es, mehrere herausragende Objekte zu präsentieren, die selten zusammen gezeigt werden, insbesondere die aus Kirchenschätzen stammenden Stücke wie der Heiligenschrein des Theuderich aus dem 7. Jahrhundert (Abtei von Saint Maurice), der Krummstab des heiligen Germanus aus dem 7. Jahrhundert ((Musée jurassien d’art et d’histoire) und das Bursenreliquiar des Altheus aus dem 8. Jahrhundert (Domkapitel Sitten). Weitere Leihgaben wurden vom Schweizerischen Nationalmuseum und dem Musée d’art et d’histoire de Genève geliehen.

Die Walliser Kantonsarchäologie hat neues, aus jüngsten Ausgrabungen stammendes Fundmaterial zur Verfügung gestellt. Das Musée d’archéologie et d’histoire de Lausanne hat schliesslich durch Leihgaben einer grossen Anzahl von archäologischen Fundobjekten wesentlich zu dieser Ausstellung beigetragen. Diese ermöglichen es, die Walliser Funde zu ergänzen und die Zeitperiode in einen grösseren Zusammenhang zwischen Alpen und Jura zu stellen.

Eine umfassende Begleitpublikation

Nach wiederholt erfolgreicher Zusammenarbeit zu prähistorischen Epochen haben das Geschichtsmuseum Wallis und das Musée d’archéologie et d’histoire de Lausanne gemeinsam die Herausforderung angenommen, diese sechs Jahrhunderte Geschichte (350-1000) zwischen Alpen und Jura einem breiteren Publikum zu vermitteln. Diese Zusammenarbeit führte zu einer Publikation mit dem Titel Aux sources du Moyen Age.