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Die vermeintliche Sicherheit des ‹normalen› Lebensstils
Falsche SicherheitDie vermeintliche Sicherheit des ‹normalen› Lebensstils

Falsche Sicherheit

Die vermeintliche Sicherheit des ‹normalen› Lebensstils
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Eine Kolumne von Thomas Baumann

Pünktlich aufs Wochenende hin fragte uns der ‹Blick›: «Frührente mit 32 — ist das in der Schweiz möglich?» Fünfzig Jahre Urlaub statt nur ein Wochenende: Wem läuft da nicht das Wasser im Mund zusammen?

Als Beispiel angeführt wird ein Ukrainer namens Naz Avo — der sei angeblich mit 32 in «Früh-Frührehnte», schreibt das Blatt wortwörtlich. Offenbar gähnte der Redaktor beim Tippen — und das Korrektorat gönnte sich ebenso eine kleine Pause.

Der «Trick» heisse ‹Fire-Methode›, ‹Fire› für ‹Financial Independence Retire Early›, also früh in Rente gehen, dank finanzieller Unabhängigkeit. Oder etwas prosaischer: Hart arbeiten, noch härter sparen — und danach von den Erträgen des angesparten Kapitals leben.

Zurück zur Frage: Ist das auch in der Schweiz möglich? Pflichtbewusst befragt das Blatt zwei Experten. Vorsorgeexpertin Veronica Weisser von der UBS warnt: Marktverluste (der Investitionen), sinkende Dividenden oder steuerliche Änderungen könnten den Lebensstandard gefährden.

Marktverluste und Schicksalsschläge

Karl Flubacher vom Vermögenszentrum VZ weist auf den «Zinseszinseffekt der Inflation» hin und warnt vor «Schicksalsschlägen, Gesundheitsfaktoren wie eine hohe Zahnarztrechnung».

Klar, wer 50 Jahre vom Ersparten leben will, sollte schon gut kalkulieren können. Doch die Gefahr lauert meist dort, wo man sie nicht erwartet. Zum Beispiel beim ganz normalen Lebensstil.

Man hat einen scheinbar sicheren Job, das reicht für die Leasing-Rate. Dann möchte man noch gerne ein Hüsli, ‹Betongold› ist schliesslich sicher und überhaupt ist Kaufen (meist…) billiger als Mieten. Alles korrekt bis ins Detail durchgerechnet.

Geht alles perfekt auf, so perfekt, dass auf dem Konto nie mehr als eine paar hundert Franken scheinbar nutzlos liegen. Bis die ins letzte Detail durchgeplante Idealwelt zusammenbricht. Job weg und das schöne Szenario bricht wie ein Kartenhaus zusammen.

Wer hat mehr Marge?

Nichts ist eben so unsicher wie vermeintliche Sicherheit. Der Frührenter mit dem prall gefüllten Sparschwein kann sich notfalls noch nach einem Job umsehen, sollte das Sparschwein unerwartet unter übermässigem Fettschwund leiden — wer aber die Schuldenbelastung schon bis ans Maximum ausgedehnt hat, hat keine Marge mehr, sollten fix eingeplante Einnahmen ausbleiben.

Die Hälfte der Bevölkerung hat quasi null Ersparnisse. Derart unterwegs zu sein ist das wahre Risiko. Demgegenüber bleibt dem ‹Früh-Frührenter› viel mehr Zeit, auf unerfreuliche Entwicklungen zu reagieren.

Bildlich gesprochen: Der eine fliegt 100 Meter über Boden, der andere zehn Kilometer. Möchte sich jemand mit einem prall gefüllten Sparschwein zur Ruhe setzen, kommen gleich die Zweifler und fragen sich, ob das wohl aufgehen kann.

Aber über das Risiko, dass die Hälfte der Bevölkerung mit null Reserven unterwegs ist, mag sich niemand aufhalten.

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