Das Montreux Jazz Festival zeigt, wohin sich die Musik bewegtMusik im Zeitalter der ersten Sekunden
Eine Kolumne von Yannick Ziehli
Das Montreux Jazz Festival zeigt, wohin sich die Musik bewegt. Zwischen Legendenpflege, Streaminglogik und technischer Brillanz stellt sich inzwischen eine Frage: Hören wir Musik noch, oder lassen wir sie nur noch an uns vorbeiziehen?
Ab 147 Franken gibt es am Eröffnungstag des Montreux Jazz Festival RAYE & Special Guests zu sehen. Die junge britische Künstlerin hat sich mit Songs wie «Escapism» und «Where Is My Husband!» in jenem Raum festgesetzt, der von Klicks und Streams beherrscht wird. Weiter treten am weltberühmten Festival Künstlerinnen und Künstler auf, die bei der älteren Garde der Musikliebhaber kaum je unter Verdacht geraten dürften, die Plattensammlung zu bedrohen. Conan Gray, KWN, Pale Jay, Zara Larsson. Namen, die für manchen Musikkenner wohl kryptisch klingen, auf den digitalen Plattformen aber Rekordzahlen schreiben.
Daneben stehen Deep Purple, Marcus Miller, Sting, Van Morrison. Künstler, die in Montreux schon fast zum Mobiliar gehören. Man könnte darin einen Rechtfertigungsversuch der Veranstalter erkennen, als müsste das Festival seinem alten Publikum versichern, dass die Welt noch auf vertrauten Akkorden ruht. Man könnte es aber auch nüchterner sehen: Montreux ist längst kein Jazzfestival mehr im engen Sinn.
Musik war immer ein Produkt des Wandels. Sie wurde auf Jahrmärkten gespielt, in Kirchen gezähmt, in Clubs befreit, im Studio vergoldet, auf MTV verfilmt und im Internet zerlegt. Mit Musik wurde immer Geld verdient. Mitunter viel. Neu ist also kaum der Kommerz. Neu ist die Geschwindigkeit, mit der die Musik heute auf ihre Verwertbarkeit geprüft wird. Der Song muss in Sekunden greifen. Er muss als Tonspur für fremde Gesten funktionieren, als Hintergrund für Schminkvideos, Ferienclips, Fitnessposen, Katzen, Empörung, Begehren.
Marshall McLuhans berühmter Satz «The medium is the message» war selten so buchstäblich wahr wie heute. Das Medium verlangt Kürze, also wird gekürzt. Es verlangt Wiedererkennbarkeit, also wird vereinfacht. Es verlangt unmittelbare Belohnung, also verschwindet der Aufbau. Wer aber nur Sekunden verlangt, bekommt selten Kathedralen.
Vielleicht ist das der Kern unserer musikalischen Gegenwart. Wir leben in einer Ökonomie der ersten Sekunden. Früher wartete man sehnsüchtig und teilweise wochenlang auf einen Song. Sei es im Radio mit Vorankündigung oder auf MTV, bis dass der Clip endlich ausgestrahlt wurde. Man ging in den CD-Laden, kaufte ein Album, betrachtete das Cover, las die Namen der Musiker, studierte die Texte, liess sich auf die Reihenfolge der Songs ein und erlangte dadurch ein Verständnis der Kunst. Alben wie The Wall von Pink Floyd, 2112 von Rush oder auch neuere Werke wie Vulnicura von Björk verkommen heute mehr denn je in der Stille. Heute wird die Musik anders wahrgenommen und anders gemessen. Wer in den «Shorts» dank eines «Hooks» hängen bleibt, wird gespielt. Wer zögert, fällt ins algorithmische Fegefeuer.
Die paradoxe Pointe liegt darin, dass es vermutlich noch nie so viele technisch herausragende Musikerinnen und Musiker gab wie heute. Das Internet hat das Erlernen eines Instruments entmystifiziert. Tutorials, Transkriptionen, isolierte Spuren, Live-Sessions, Interviews, Gear-Demos: Wer will, kann heute in wenigen Jahren Dinge lernen, für die frühere Generationen Jahrzehnte brauchten. Die technische Spitze ist atemberaubend. Gitarristen wie Matteo Mancuso, Pianisten wie Jesus Molina oder Bands wie The Aristocrats zeigen, dass Virtuosität keineswegs verschwunden ist. Sie hat bloss einen seltsamen Platz erhalten. Sichtbar genug für Eingeweihte, aber oft randständig im grossen Betrieb.
Damit stellt sich die Gretchenfrage: Passt sich die Musik der Gesellschaft an, oder formt die Gesellschaft ihre Musik nach dem, was ihr die Plattformen beibringen? Wahrscheinlich geschieht beides. Musik reagiert auf Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit reagiert auf Technik, Technik reagiert auf Geld. Am Ende entsteht ein Kreislauf, in dem die einfachste Reibung am besten skaliert. Rick Beato, Musiker und erfolgreicher Musikkommentator, hat diese Entwicklung in einem vielbeachteten Video auf eine harte Formel gebracht. Musik sei heute zu einfach zu produzieren und zu einfach zu konsumieren. Die Diagnose ist verführerisch, weil sie etwas Wahres trifft. Ein Laptop ersetzt heute halbe Studios. Ein Streamingdienst ersetzt Regale voller CDs und Platten und der Algorithmus ersetzt die Entscheidung.
Natürlich ist Nostalgie auch eine Falle. Jede Generation hält die Musik ihrer Jugend für den letzten ernsthaften Beitrag zur Zivilisation. Wer heute über Pop klagt, steht rasch da wie ein Mensch, der ins Grammophon ruft. Auch die Vergangenheit war voller kalkulierter Hits und austauschbarer Stimmen. Aber das entlastet die Gegenwart nur teilweise. Denn der Unterschied liegt weniger in der Existenz schlechter Musik als in der Architektur ihrer Verbreitung. Früher musste auch schlechte Musik eine gewisse Form besitzen. Heute reicht bisweilen ein Moment.
Taylor Swift ist dafür ein interessantes Symptom. Ihre Musik ist sauber, professionell, effizient und anschlussfähig. Sie ist keineswegs das musikalische Übel der Welt. Aber ihr gigantischer Erfolg erzählt weniger von kompositorischer Kühnheit als von Identifikation, Erzählung, parasozialer Nähe und perfekter Markenführung. Die Künstlerin ist nicht bloss Musikerin. Sie ist eine Projektionsfläche, ja ein eigenes Wirtschaftssystem. Der Song ist Teil eines grösseren Apparats, in dem Biografie, Fanbindung, Social Media und Marktlogik ineinander greifen.
Das Montreux Jazz Festival steht genau in dieser Spannung. Es muss Rechnungen begleichen und Sponsoren überzeugen. Es kann weder die Gegenwart ignorieren noch die Vergangenheit museal verwalten. Es kann aber zeigen, dass populär und tiefgründig keine Feinde sein müssen. Vulfpeck ist ein gutes Beispiel. Diese Band gehört zur neuen Generation technisch hochversierter Musiker, die Groove, Handwerk und Intelligenz verbinden. Daneben gäbe es viele weitere Namen, die ein Festival wie Montreux tragen könnten: Eben Jesus Molina oder Matteo Mancuso, Tricot, Louis Cole, Knower. Künstlerinnen und Künstler, die nicht bloss Inhalte liefern, sondern musikalische Räume öffnen. Sie haben unüberhörbare Argumente für eine Musik, die fordert, ohne sich akademisch zu verschanzen. Musik, die Körper und Kopf gleichermassen ernst nimmt.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Aufgabe eines Festivals. Es soll die Gesellschaft abbilden, gewiss. Aber es soll ihr auch widersprechen dürfen. Ein gutes Festival bestätigt den Geschmack seines Publikums nur halb. Die andere Hälfte führt es an Orte, die es selbst noch nicht gesucht hätte.
Es lohnt sich also weiterhin, nach Montreux zu fahren. Wegen der Atmosphäre, wegen des internationalen Essensbuffets, wegen der Legenden, wegen Billy Cobham, Gregory Porter, Charles Lloyd oder Van Morrison, die dieses Jahr auftreten. Aber auch wegen der Frage, was aus der Musik wird, wenn sie sich zwischen Bühne und Plattform, Werk und Clip, Kunst und Aufmerksamkeit behaupten muss.
