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Feuerwalze; Nidau 1943 und Montana 2026

Feuerwalze; Nidau 1943 und Montana 2026

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Von Hans Glanzmann

In einer Feuerwalze von 1943 in Nidau haben drei Knaben im Bruchteil einer Sekunde gehandelt und ein Drama wie bei der Durchzündung von 2026 in Montana verhindert.

Es war im Sommer 1943 in Nidau am Bielersee in der grasigen Lichtung im Erlenwäldli beim Strandbad. Dort stand eine vor einem Monat aus Schilfwedeln von einer Gruppe junger Burschen gebaute Schilfhütte. Sie nannten sich «Bande». Mein Bruder Walti und ich, 8- und 6-jährig wurde als Maskottchen aufgenommen.

Die Hütte, quadratisch mit einem leicht abgeschrägten Flachdach das ich als 6-jähriger innen mit ausgestrecktem Arm berühren konnte. Die Wände und das Dach haben je eine Mächtigkeit von ungefähr 10 cm. Es waren gebündelte Schilfhalme, die mit flauschigen Schilfwedeln déco-artig durchsetzt waren. Der Eingang in der Frontwand war ein rechteckige Eingangs-Öffnung, so klein, dass ich sie nur kriechend passieren konnte. An drei Innenwände waren niedrige Holzbänkli mit Platz für Zwölf.

Die Banden Mitglieder hatten ein lustiges Spiel entwickelt. Sie zündeten mit einem Streichholz je einen der vielen Schilfwedeln an der Decke an. Der brannte in einem kleinen brutzelnden Feuerlein. Dann löschten sie es mit einem kurzen Handrücken-Schlag wieder aus. Das war ein Ritual, das öfters von den Bandenälteren zelebriert wurde. Auch Walti und ich wurden zum Mittmachen eingeladen.

An einem Nachmittag vergnügten ich und meinem Bruder uns in und um die Schilfs Hütte. Da kam ein Knabe in unserem Alter vom Städtli zum Mätteli. Voll Freude zeigten wir ihm die Hütte. Wir krochen hinein und setzten uns auf das Bänkli gegenüber dem Eingangsloch. Walti zeigte alsbald unserem jungen Gast wie das Feuerlöschen funktioniert. Wir sassen nebeneinander und hatten den Plausch am Feuer anzünden und löschen. Dann sagte Walti zu unserem Gast: «Versuch es auch!» und gab ihm die Streichhölzer. Er stand von der Sitzbank auf, zündete mit dem Streichholz die feinen Haare eines Schilfwedels. Die Flämmchen auf den Härchen tanzten von einem zum anderen. Jetzt heisst es auch schon wieder «Löschen». Doch seine Löschbewegung mit der Handrückenfläche war zu schlampig, zu träge und ohne Wirkung. Der Wedel brannte schon einige hundertstel Sekunde zu lange. Das Feuerlein nahm sich diese Gelegenheit und sprang mit einem «Wuff» als Durchzündung über die ganze Decke.

Ein Feuer-Schirm brannte über uns. Ich erkannte die Gefahr innert einigen hundertstel Sekunden und tauchte gleichzeitig Kopf voran bäuchlings in das Tor-Loch hinein und aus der Hütte hinaus. Mit einem «Plongschli» wie man im Nidauer-Deutsch für einen Kopfsprung ins Wasser sagt taucht ich durch das Eingangs-Loch hinaus und rannte, drehte mich um und sah, dass auch Walti und unser kleiner Gast die Flucht gelang und sie mir folgten. So standen wir zu dritt unversehrt vor der brennenden Hütte. Das Feuer im inneren war in den ersten Sekunden nur durch das Eingangsloch sichtbar. Weitere Sekunden später war die Schilfhütte ein leuchtender Kubus, wo die Flammen überall durch die Wände und das Dach züngelten. Ein geheimnisvolles sanft leuchtendes Gebilde. Weitere Sekunden später stiegen die Flammen schon senkrecht in die Höhe, sanft die Geräusche. Die Flammen wuchsen schnell höher und höher. Wir standen in der Lichtung und schauten dem Spiel der Flammen zu. Wir sagten nichts. Wir schauten wie die Flammen-spitze die Höhe der höchsten Waldbäume erreichten. Ein gewaltiges Schauspiel das wir da gezündet hatten. Wir überlebten. Kein Wort wurde in der Presse über die Nidau-Feuerwalze geschrieben.

Das Feuerwalze in Montana hatte die gleiche Geschwindigkeit wie das Durchzündung in Nidau. Es war blitzschnell und fordert eine Reaktionszeit von Millisekunden, um zu entfliehen. Drei Meter Fluchtweg in Nidau reichten uns knapp zur Flucht. Auf dem viel längeren unbekannten Ausweg in Montana wären auch wir vom „Flash“-Feuer eingeholt worden.

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