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Mutter Courage im Oberwallis
Rezension des Buches «Die Titscha»Mutter Courage im Oberwallis

Rezension des Buches «Die Titscha»

Mutter Courage im Oberwallis
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Von Thomas Baumann

Mit der Eisenbahn geht es im ersten Teil des Buches durch die Weiten Ostdeutschland hin und zurück.

Welcher Kontrast zum Walliser Bergdof Visperterminen, welches zu jener Zeit nur zu Fuss oder per Maultier zu erreichen war.

Und noch eine Parallele: Wie eine fauchende Dampflokomotive setzt sich die Geschichte in Bewegung: Es ruckelt, holpert und schüttelt. Und — das sei vorweggenommen — genauso wie eine Dampflok läuft das Buch auch im Ziel ein. Wiederum quietscht und rüttelt es ordentlich.

Doch einmal im fernen Osten Deutschlands angekommen, nimmt das Buch ordentlich an Fahrt auf. Die fiktiven, romanhaften Elemente nehmen, je weiter weg von der vertrauten Heimat, desto mehr zu und bieten ein durchaus fesselndes Lesevergnügen.

Näher an der biographischen Realität rückt die Handlung zurück in Visperterminen, wohin die beiden Brüder, die einst als Melker nach Ostdeutschland ausgewandert sind und dort geheiratet haben, nach einiger Zeit mit Frau und Kind zurückgekehrt sind.

Wie bei Grossfamilien üblich, nimmt alleine die Aufzählung, wer denn wen geheiratet hat, wie viele Kinder daraus hervorgingen, wieviele davon in welchem Lebensalter frühzeitig verstorben sind und wer wann wo gearbeitet hat, einiges an Platz ein. Das ist zum Verständnis vermutlich unumgänglich.

Das Buch ist daher, trotz des Titels «Die Titscha» (Die Deutsche) vor allem eine Familiengeschichte und nicht so sehr ein Buch über die ursprünglich aus Schlesien stammende Grossmutter alleine.

Eine gewisse Berechtigung hat der Titel, weil die Geschichte von ferne an Brechts Mutter Courage erinnert. Sie spielt zwar nicht im Krieg, doch dieser zeigt sich mehr als nur einmal am Horizont. Auch Mutter Courage war ja bekanntlich nicht direkt ins Kampfgetümmel verwickelt, sondern reiste im Tross den Truppen hinterher. Hier wie da war die Not das beherrschende Thema — sei es Hunger, seien es andere Entbehrungen.

Und wie eine Mutter Courage trotzte die aus Schlesien stammende Elisabeth, die Grossmutter des Autors, die im Oberwalliser Dorf selbstverständlich auf Ablehnung stiess, allen Widrigkeiten und brachte ihre Familie durch die grösste Not. Mit weniger Gerissenheit und mehr christlicher Tugend, wie es sich fürs Oberwallis gebührt, selbstverständlich.

Anschaulich die Schilderungen den damaligen Lebensumstände in Visperterminen.

Unnötig die (vulgär-)soziologischen Erläuterungen und der Lobgesang auf die AHV am Ende des Buches — zu sehr Zeitungsprosa. Viel eindrücklicher dagegen die Szene, wo die alte Grossmutter sich einfach bei den Kindern einquartiert, um «die nächsten Tage hier bei euch zu bleiben und im Fernsehen die Mondlandung zu sehen.»

Ein Buch mit interessanten, autobiographisch gefärbten Einblicken in die damaligen Lebensumstände und zeitweise flotten, romanhaften Passagen.

Das Buch «Die Titscha» von Odilo Abgottspon ist vor kurzem im Limmatverlag erschienen.

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