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Zwischen Dialog und Verantwortung
Restaurative Justiz im WallisZwischen Dialog und Verantwortung

Restaurative Justiz im Wallis

Zwischen Dialog und Verantwortung
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Von Yannick Ziehli

Am Donnerstagabend widmete das kantonale Amt für Gleichstellung und Familie (KAGF) in Sion den Themen häuslicher und sexueller Gewalt eine Veranstaltung, die im Rahmen der Internationalen Woche der restaurativen Justiz stattfand.

Es diskutierten Expertinnen aus Kriminologie, Strafrecht, Mediation und Justizvollzug über Chancen und Grenzen dieses Ansatzes.

Die Veranstaltung bot Einblicke in eine praxisnahe, aber auch kontroverse Thematik, die im Wallis erst am Anfang ihrer institutionellen Entwicklung steht.

Ein Ansatz, der Menschen wieder zu Subjekten macht

Die restaurative Justiz versteht sich als Ergänzung zur Strafjustiz. Sie will einen geschützten Raum schaffen, in dem Opfer und Täter einer Straftat freiwillig in einen Dialog treten können.

Die klassische Strafjustiz, so die Expertinnen, stelle primär den Täter ins Zentrum. Er wird befragt, verurteilt und sanktioniert, während die betroffene Person sich oft auf die Rolle einer Belastungszeugin reduziert fühlt.

Die Strafverfolgung sei zudem nicht darauf ausgerichtet, den verursachten Schaden zu „reparieren“, und auch die Opferhilfe LAVI könne diesen Aspekt nur teilweise abdecken.

Camille Perrier Depeursinge, Professorin für Strafrecht in Lausanne, beschrieb zwei Sichtweisen auf die Gesellschaft: Die strafrechtliche Logik sehe die verletzte Norm und bringe die Sanktion ins Spiel.

Die restaurative Logik hingegen betrachte die Gesellschaft als Gewebe, das durch eine Tat ein Loch erhält, das nicht mit einer Strafe, sondern durch einen Prozess der Anerkennung, des Dialogs und der Verantwortungsübernahme geschlossen werden könne. Die restaurative Justiz trete in diesem Fall als „Couturière“ auf, die den verursachten Schaden lindere.

Voraussetzungen und Risiken

Voraussetzung für jeden restaurativen Prozess ist die freiwillige Teilnahme beider Seiten, eine sorgfältige Vorbereitung sowie die Begleitung durch qualifizierte Fachpersonen.

Die Sicherheit der betroffenen Person stehe dabei an erster Stelle. Besonders in Fällen häuslicher Gewalt oder sexueller Übergriffe, wo Machtverhältnisse strukturell verzerrt sein können, sei grösste Vorsicht geboten.

Restaurative Verfahren ersetzen die Strafjustiz nicht, sondern können sie lediglich ergänzen. Beide Expertinnen betonten, dass restaurative Prozesse positive Wirkungen zeigen können.

Beispielsweise in höhere Zufriedenheit der Opfer, eine leichte, aber nachweisbare Senkung der Rückfallquote sowie geringere Gesamtkosten für die Justiz. Es bestehen aber auch Risiken wie sekundäre Viktimisierung, Enttäuschungen, Manipulation oder überhöhte Erwartungen. Ein Prozess könne nur gelingen, wenn er sorgfältig vorbereitet und verantwortungsvoll geführt werde.

Die Perspektive der Opfer und die Gefahr der Retraumatisierung

Claudia Christen-Schneider, Kriminologin und Präsidentin des Swiss RJ Forum, schilderte Beispiele aus Fällen sexueller Gewalt. Ein Grossteil der Übergriffe werde durch Personen begangen, die den Opfern bekannt seien und viele Strafverfahren seien zudem retraumatisierend.

In manchen Fällen werde den Betroffenen sogar durch die Formulierungen der Ermittlungsbehörden das Gefühl genommen, ihre eigenen Worte wählen zu dürfen. Restaurative Verfahren könnten diesen Menschen einen Raum zurückgeben, in dem sie wieder Subjekte ihres eigenen Erlebens werden.

Christen-Schneider betonte, dass restaurative Justiz die Täter nicht entschuldige, jedoch helfen könne, sie zu „entmonstern“. Nicht zum Zweck der Entlastung, sondern um Scham, Isolation und Verdrängung zu durchbrechen. Beide Seiten würden so in die Lage versetzt, Verantwortung zu erkennen und benennen zu können.

Der Stand im Wallis

Im Wallis steckt die restaurative Justiz noch in der Aufbauphase. Emilie Loye, Leiterin des Bereichs Betreuung im Gefängnis Crêtelongue, erklärte, dass derzeit zwei Pilotprojekte mit den Strafvollzugseinrichtungen laufen.

Es gehe in erster Linie darum, Erfahrungen zu sammeln und die nötigen Ressourcen aufzubauen, bevor über eine breitere Einführung entschieden werde. Eine bundesrechtliche Grundlage existiert bisher nur im Jugendstrafrecht.

Die Podiumsdiskussion machte deutlich, dass das Thema politisch und institutionell noch viele Fragen offenlässt:

  • Inwieweit kann restaurative Justiz das überlastete Strafsystem entlasten
  • Was braucht es an finanziellen und personellen Mitteln?
  • Und wie lässt sich ein Verfahren implementieren, das gleichzeitig sicher, professionell und flexibel bleibt?

Ein Abend mit vielen Emotionen und offenen Fragen

Obwohl das Publikum den Ansatz überwiegend unterstützte, wurde zugleich sichtbar, dass der Abend stark von emotionalen Erfahrungsberichten geprägt war.

Die gesellschaftliche und politische Erwartung nach klaren Zahlen, Indikatoren und Erfolgsparametern kam nur am Rande zur Sprache. Damit blieb ein gewisser Eindruck der Einseitigkeit bestehen. Die Vision wurde gezeichnet, doch die sachliche Kontroverse blieb zurückhaltend.

Dennoch war die Veranstaltung ein Einblick in ein Feld, das im Wallis erst im Entstehen begriffen ist.

Die restaurative Justiz will keinen Ersatz für die Strafjustiz bieten, sondern eine Ergänzung, in der Verantwortung, Anerkennung und Dialog möglich werden.

Ob dieser Ansatz künftig eine grössere Rolle im Kanton spielen wird, hängt nicht nur vom politischen Willen ab, sondern auch von der Frage, wie viel Raum die Gesellschaft solchen Formen der Konfliktbearbeitung geben möchte.

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