Sue Putallaz, Mobyfly, im GesprächWas Tragflügelboote mit der Energiewende zu tun haben
1. Was hat Sie persönlich dazu gebracht, im Bereich elektrischer Tragflügelboote tätig zu werden?
Was mich angetrieben hat, ist die Überzeugung, dass Technologie der Ökologie dienen kann – ohne dass wir dabei Abstriche bei unserer Lebensqualität machen müssen. Wir müssen uns nicht zwischen moderner Mobilität und Respekt vor der Umwelt entscheiden. Elektrische Tragflügelboote verkörpern genau das: null Emissionen, null Wellengang, null Lärm und den unvergleichlichen Komfort, völlig sanft über dem Wasser zu gleiten. Es ist eine schnelle, angenehme Art der Fortbewegung, die die Seen und Küsten, auf denen sie zum Einsatz kommt, schont. Als mir klar wurde, dass diese Technologie für den gross angelegten Personentransport bereit war, gab es keine Zweifel mehr.
2. Wie kam es zum Standort Le Bouveret?
Bouveret war die perfekte Wahl: Es ist ein strategischer Knotenpunkt am oberen Genfer See, an der Schnittstelle zwischen dem Wallis, dem Waadtland und der französischen Grenze. Doch über die geografische Lage hinaus war es das Innovationsökosystem des Wallis, das den Ausschlag gab. The Ark, der Wettbewerbscluster des Kantons, schafft ideale Bedingungen für ein Deeptech-Unternehmen wie MobyFly – Zugang zu Talenten, Nähe zu Universitäten, ein Netzwerk von Technologieunternehmen und starke institutionelle Unterstützung. Die Gemeinde hat uns mit einer klaren Vision empfangen, und der See bietet ideale Bedingungen, um unsere Technologie in einer realen Betriebsumgebung zu testen. Es ist eine Region, in der gewählte Vertreter und institutionelle Akteure die Bedeutung der grenzüberschreitenden Mobilität wirklich verstehen.
3. Für welche Strecken oder Gewässer ist Ihr System heute realistisch einsetzbar?
Unser Entwicklungs-Tragflügelboot, das MBFY-10, ist bereits auf dem Genfer See im Einsatz – mit über 450 Fahrten und mehr als 3.000 zurückgelegten Kilometern. Das MBFY-S, unser erstes kommerzielles Vorserien-Tragflügelboot, ist für schnelle Verbindungen zwischen 0 und 100 km auf Seen, geschützten Küstenabschnitten und Binnenwasserstrassen konzipiert. Konkret bedeutet das: Überall dort, wo heute Diesel-Fähren auf kurzen und mittleren Strecken verkehren, sind wir eine praktikable emissionsfreie Alternative.
4. Wie sieht es mit der Bürokratie aus? Welche regulatorischen Hürden sind im Schiffsverkehr auf Seen und Flüssen am schwierigsten zu überwinden?
Die Regulierung von Foiling-Booten auf Schweizer Seen stellt die grösste Herausforderung dar. Das BAV arbeitet an einem spezifischen Zulassungsrahmen, doch wir rechnen in der Schweiz nicht mit einer Zertifizierung vor 2027. In Frankreich ist der Prozess weiter fortgeschritten – unser erstes Tragflügelboot wird unter französischer Flagge verkehren. Dies ist ein Bereich, in dem die Technologie dem rechtlichen Rahmen voraus ist, was bei einer bahnbrechenden Innovation normal ist, aber ein kontinuierliches Engagement gegenüber den Behörden erfordert. Wir widmen diesem Thema ebenso viel Energie wie der technischen Entwicklung.
5. Wie unterscheiden sich die Betriebskosten Ihrer Boote im Vergleich zu klassischen Passagierschiffen?
Die Anschaffungskosten eines MobyFly-Tragflügelboots sind mit denen eines vergleichbaren konventionellen Schiffes vergleichbar. Die Betriebskosten unterscheiden sich jedoch grundlegend: bis zu 80 % weniger Energiekosten und bis zu 60 % weniger Wartungskosten. Zusammengenommen machen diese Einsparungen unsere Tragflügelboote nicht nur zu einer emissionsfreien Alternative zu konventionellen Schiffen, sondern langfristig auch zu einer deutlich kostengünstigeren Lösung.
6. Wie gehen Sie mit Wetterbedingungen wie starkem Wellengang oder Wind um?
Die Fähigkeit unserer Tragflügelboote, bei Wellengängen von bis zu 2,5 Metern zu navigieren, ist eines unserer herausragendsten Merkmale. Unsere firmeneigene Tragflügeltechnologie ist für den Einsatz auf offener See ausgelegt und bietet den Passagieren auch bei unruhiger See eine ruhige Fahrt. Dadurch sind unsere Tragflügelboote in der Lage, anspruchsvolle Küstenstrecken zu bedienen – entlang der Mittelmeerküste, zwischen den griechischen Inseln oder im Roten Meer.
7. Welche Infrastruktur braucht es an Land oder auf dem Wasser, damit Ihr System funktioniert?
Die meisten Häfen verfügen bereits über Landstromanschlüsse, die unsere Tragflügelboote zum Aufladen nutzen können. Schnellladestationen verbessern die Ladezeiten erheblich und sind ein Schlüsselelement beim Übergang zur Emissionsfreiheit. Aus diesem Grund ist MobyFly Partnerschaften mit Anbietern von Ladelösungen eingegangen, um Betreibern ein integriertes Paket – Tragflügelboot und Ladeinfrastruktur – anzubieten, das auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. Unsere patentierten einziehbaren Tragflügel ermöglichen das Anlegen in nur 60 cm tiefem Wasser, wodurch unsere Tragflügelboote mit dem Grossteil der bestehenden Hafeninfrastruktur kompatibel sind.
8. Sehen Sie MobyFly eher als Nischenanbieter oder als zukünftigen Standard im Kurzstreckenverkehr auf Wasserwegen?
Der weltweite Fährmarkt befördert jährlich 2,1 Milliarden Passagiere. Derzeit gibt es weltweit über 10.000 Fährstrecken mit einer Länge von weniger als 100 km, von denen jede für den Einsatz emissionsfreier Tragflügeltechnologie in Frage kommt. Das ist keine Nische. Unsere eigentliche Konkurrenz sind nicht andere Tragflügelboot-Unternehmen, sondern die bestehende weltweite Flotte konventioneller Schiffe. Der Markt ist gross genug, damit die gesamte Branche gemeinsam erfolgreich sein kann. Die Ambitionen von MobyFly entsprechen dieser Grössenordnung – wir bauen eine Technologieplattform auf, um zum globalen Standard im schnellen Wassertransport für Strecken unter 100 km zu werden.
9. Wo sehen Sie aktuell die grössten technischen Grenzen der Tragflügeltechnologie?
Das Gewicht der Batterien ist derzeit die grösste Herausforderung. Im Gegensatz zu einer herkömmlichen Fähre reagiert ein Tragflügelboot äusserst empfindlich auf die Gesamtmasse – jedes Kilogramm wirkt sich auf den Energiebedarf für den Flugbetrieb aus. Dennoch bin ich optimistisch: Die massiven Investitionen der Automobilindustrie in Batterien der nächsten Generation stehen kurz vor einem Durchbruch. Wir gehen davon aus, dass sich Effizienz und Energiedichte innerhalb weniger Jahre verdoppeln werden, während Gewicht und Kosten deutlich sinken. Was heute noch ein Hindernis ist, wird morgen zu einem Wettbewerbsvorteil – und unsere Architektur ist bereits darauf ausgelegt, diese neuen Generationen zu integrieren.
10. Was war bisher die grösste Überraschung oder der grösste Irrtum in der Entwicklung?
Eine positive Überraschung war die Qualität der Industriepartner, die wir in Europa gefunden haben – Teams, die unsere Vision frühzeitig verstanden und sich dafür engagiert haben. Was wir unterschätzt haben, ist die Komplexität des Technologietransfers vom Leistungssport in den zertifizierten Personenverkehr. Es ist ein bisschen so, als würde man ein Formel-1-Team bitten, einen Bus zu entwerfen: Die Leistungsanforderungen, rechtlichen Rahmenbedingungen und Zertifizierungsstandards unterscheiden sich grundlegend.
11. Wo steht Ihr Unternehmen in fünf bis zehn Jahren, wenn alles nach Plan läuft?
In fünf Jahren: eine Flotte von MobyFly-Tragflügelbooten im kommerziellen Einsatz auf zahlreichen europäischen Seen und Küsten sowie die Unterzeichnung unserer ersten Technologielizenzen mit etablierten Fährbetreibern. In zehn Jahren: MobyFly als Massstab für emissionsfreien Schnellverkehr auf Wasserwegen, wobei unsere Plattform von Betreibern auf mehreren Kontinenten eingesetzt wird. Wir bauen keine Boote – wir entwickeln eine Technologieplattform. Das ist es, was unseren Kurs bestimmt.
12. Ihre Webseite ist nur auf Englisch verfügbar für Entscheidungsträger von Investitionen. Ist geplant, die Webseite auch in Französisch oder Deutsch anzubieten, zumal ja mit KI eine automatische Übersetzung problemlos eingebaut werden kann?
Unsere Hauptsprache ist Englisch – es ist die Arbeitssprache unserer Branche, unserer Investoren und unserer internationalen Partner. Allerdings ist diese Frage heute nicht mehr ganz so entscheidend wie früher: Moderne Browser übersetzen Websites automatisch in jede beliebige Sprache, und die Technologie leistet dabei gute Arbeit. Dort, wo die Sprache wirklich zählt – in unseren Broschüren, unserer institutionellen Kommunikation und unseren Geschäftsangeboten –, erstellen wir die Inhalte natürlich in der jeweiligen Landessprache.
Genau hier macht die menschliche Note den Unterschied.
(rm)

