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Wenn sich der Niedergeschossene rechtfertigen muss
Tamedia am SchwurbelnWenn sich der Niedergeschossene rechtfertigen muss

Tamedia am Schwurbeln

Wenn sich der Niedergeschossene rechtfertigen muss
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Ein Kommentar von Thomas Baumann

Der Ministerpräsident eines Landes wird niedergeschossen. Für die Tamedia-Zeitungen der ideale Zeitpunkt, um die Kritik seiner politischen Gegner breitzuschlagen. Journalismus ohne Augenmass und Verantwortungsgefühl.

Vincenzo Capodici ist beim «Tages-Anzeiger» Redaktor im Ressort International. Gleichzeitig ist er, wie es weiter heisst, «Mitglied des Tamedia-weiten Netzwerks ‹Neue Formen & Storytelling›».

Er hat die Aufgabe gefasst, den slowakischen Ministerpräsidenten, der soeben niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt wurde, näher vorzustellen.

An sich keine schlechte Idee: Auf der politischen Landkarte der meisten Leser dürfte die Slowakei nicht viel mehr ein blinder Fleck sein. Bedarf an Information ist somit gegeben.

Also titelt der Journalist bzw. die Redaktion: «Slowakischer Premier Fico: Für seine Gegner verkörpert er den korrupten Mafiastaat». Und gleich danach im Lead: «Fico ist ein Machtmensch mit Nähe zu Russland und autokratische Ideen — und er spaltet die slowakische Gesellschaft.»

Stopp, Timeout!

Zwei Wochen zurückspulen. Am 3. Mai wurde der SPD-Politiker Matthias Ecke beim Plakat-Aufhängen in Dresden angegriffen und spitalreif geschlagen.

Die Tamedia-Zeitungen sprachen damals zu recht von einem «brutalen Angriff». Dass sie das im Fall von Robert Fico nicht taten, ist ihnen nicht vorzuwerfen. Aus dem Zusammenhang — Schussabgabe, lebensgefährliche Verletzung — erschliesst sich die Brutalität des Angriffs ganz von selbst.

Was die Tamedia-Zeitungen damals aber ganz bestimmt nicht taten: All die negativen Eigenschaften aufzuzählen, welche der Angegriffene für seine politischen Gegner angeblich verkörpert.

Das wäre problemlos möglich gewesen: Es wäre der AfD wohl nicht schwergefallen, allerhand negative Attribute in Zusammenhang mit dem angegriffenen SPD-Politiker aufzuzählen. Aber man hat sie nicht gefragt. Zu Recht nicht gefragt.

Anders beim slowakischen Ministerpräsidenten. Der Grund dafür: Er gehört zu den Bösen, nicht zu den guten. Zwar ist er offenbar «Linkspopulist» und nicht «Rechtspopulist» — aber angeblich russlandfreundlich und autokratisch veranlagt.

Opferschelte

Natürlich darf der Vergleich zu Orban nicht fehlen, Hinweise auf einen angeblich von der Mafia unterwanderten Staat und einen Journalistenmord — doch weil es natürlich rassistisch (und auch völlig faktenfrei) wäre, der gesamten slowakische Gesellschaft eine Nähe zum Verbrechen zu unterstellen, heisst es weiter: «er spaltet die slowakische Gesellschaft».

Vincenzo Capodici ist angeblich Mitglied im Tamedia-weiten Netzwerk «Neue Formen & Storytelling». Täter-Opfer-Umkehr (victim blaming) ist allerdings alles andere als eine neue Form des Storytelling.

Geradezu lachhaft, mit welcher Quelle dann versucht werden soll, die autokratischen Tendenzen zu belegen: «‹Fico ist das ganze System. Fico ist der König der Slowakei›, kommentierte kürzlich die polnische Zeitung ‹Rzeczpospolita›».

Genau lesen lohnt sich in diesem Fall: Tamedia findet keine andere Quelle als eine Zeitung aus dem Nachbarland Polen (!) um den slowakischen Ministerpräsidenten zu charakterisieren.

Bei solchem Journalismus bleibt einem wirklich nur noch Kopfschütteln.


(Bildquelle: Videoausriß RT DE)

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