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Ausgewandert in die USA, nun auch in der Heimat anerkannt
Urs Leonhardt Steiner, Scuol Classics, im GesprächAusgewandert in die USA, nun auch in der Heimat anerkannt

Urs Leonhardt Steiner, Scuol Classics, im Gespräch

Ausgewandert in die USA, nun auch in der Heimat anerkannt
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Ein Anlass, der in die gesamte Schweiz und darüberhinaus austrahlt. Im Unterengadin wird die Carmina Burana von Carl Orff anlässlich der zweiten Scuol Classics aufgeführt. Dies von Urs Leonhardt Steiner, der einst in die USA auswanderte, weil er in der Heimat nicht gut angenommen wurde. Ein Gespräch über die Vergangenheit des Dirigenten, den aktuellen Anlass und zukünftige Pläne:

Warum wird man Dirigent?
Ich muss es so sagen, weil ich immer schon Dirigent war, als ich klein war. Ich habe immer Leute zusammengebracht, um irgendetwas zu machen.

Wie kam es zur Auswanderung in die USA?

Weil mich die Schweiz – also ich bin ein Self-made-Dirigent. Ich bin nicht gefördert worden als Kind mit der klassischen Musik. Ich habe zwar sehr viel gesungen, auch in den Domchören und so weiter. Von dem habe ich eine gute, starke Ausbildung gehabt, weil man da jeden Tag was gesungen hat in der Jugend.
Aber sonst bin ich nicht entdeckt worden von irgendjemandem. Mit 14 habe ich dann angefangen, Gitarre zu spielen. Ich habe mich aber dafür interessiert, klassische Gitarre zu spielen. Das ist dann mein Instrument geworden. Aber zur gleichen Zeit habe ich immer irgendwelche Sachen organisiert. Irgendwas mit Leuten, irgendwas Musikalisches, kleinere Sachen.

Ich habe jahrelang mit Schulkindern zusammengearbeitet. Wo man einfach eine Woche in einer Schule ist, irgendwo da oben im Oberland. Und da haben wir dann einfach eine Woche lang irgendwelche Stücke geschrieben. Und am Wochenende hat man das aufgeführt. Das habe ich jahrelang gemacht.

Aber eben nach Amerika bin ich eigentlich …  ich wollte dann ins Konservatorium. Und hier wollten die mich nicht im Konservatorium. Und dann habe ich mir gesagt, ich muss weg aus der Schweiz. In der Zeit ist es noch so gewesen, dass wenn du nicht im Klub warst, ein Klubmitglied warst, dann wurdest du einfach nicht ernst genommen. Sie haben mich nicht ernst genommen. Aber dann habe ich gesagt, okay, dann gehe ich weg. Ich habe so einen Wettbewerb gewonnen damals, der mir erlaubt hat, irgendwo zu studieren, wo ich will. Und das hat eigentlich nicht viel zu tun gehabt mit der klassischen Musik, sondern das ist gekommen durch Leute, die mich gesehen haben. Ich arbeitete mit Jungen und so weiter und so fort. Du musst dich anmelden, hiess es, da interessiert die Leute. Ich bin so weit gekommen, dass ich die Möglichkeit hatte, irgendwo zu studieren. Ich war einfach in der Normalschule. Und dann in Chur bin ich in die Werkschule, das war die zweite Klasse. Und zwar sind wir die erste Werkschulklasse gewesen, die es gegeben hat damals. (2:55) War fantastisch für mich.
(2:57) Ich hatte super Lehre. (2:59) Und habe mich da eigentlich in die Musik verliebt. Der Lehrer hat jeden Tag Oper gespielt im Schulzimmer.
Und dann habe ich gemerkt, gut, ich kann das, ich bin gut und so weiter. Weil dann hat er gemerkt, dass ich ein gutes Gehör habe, was weiß ich. Und da hat sich dann meine innere…  Ich liebe einfach diese Musik. Das habe ich immer geliebt. Ich muss nur irgendwie entdecken, wie kann ich das so machen, wie ich es gerne mache.

Wo ist der Unterschied zwischen einem Schweizer Orchester und einem amerikanischen? Und gibt es starke Unterschiede?

Heute ist das schon viel weniger problematisch. Aber als ich aufgewachsen bin – ich habe ja das Bündner Kammerorchester gegründet, 1988 oder so. Ich habe eine Oper geschrieben, die heisst Il Secondo Settegno. In meiner Jugend. Ich war irgendwie 28 oder so. Das habe ich dann in Bergell aufgeführt. Das war eine Kinderoper. Und das war so die erste große Sache, die ich gemacht habe mit allen Leuten im Dorf, im Tal.
Und das brauchte dann ein Orchester. Und in dem Moment habe ich das Bündner Kammerorchester dann gegründet. Und habegedacht, es würden dann viele Bündner mitmachen. Aber es haben schlussendlich nur zwei mitgemacht. Aber ich habe damals schon in Amerika gewohnt. Und dann habe ich gesagt, okay, dann bringen wir meine Leute. Das habe ich dann auch so gemacht.

Gibt es das noch?

Ja, natürlich. Das ist zur Philharmonie geworden hier. Ich habe noch sehr interessante Zeitungsartikel von dieser Zeit. Wir haben da mit Reto Bernetta, was du vermutlich auch kennst, mit der Klibühni und so weiter.
Der und ich haben da eine Pressekonferenz gemacht. Und gesagt, wir gründen jetzt das Bündner Kammerorchester. Und am nächsten Tag ist geschrieben worden, das wird jetzt ein Kammerorchester.
Es braucht eines, ein Profiorchester. Das hat es ja nicht gegeben. Und dann haben die Leute geschrieben, die Koryphäen: Ja, was soll denn da ein Ausländer, der hat ja keine Ahnung, was wir da brauchen. Ich bin ja Chur aufgewachsen. Und es war dann eine polemische Geschichte.
Und ich bin dann, als ich diese Oper geschrieben habe, die Kinderoper, ich bin aber zu all diesen Leuten nach Hause gegangen, die dagegen waren.  Und habe geklopft. Aus welcher Gegend? Also Bergell? Ja, hier und Bergell, beides. Mit dem Orchester. Die das schlecht-geschrieben haben, das sind Leute gewesen, mit denen ich bin ich aufgewachsen. Verstehst du? Und da habe ich teilweise auch Lehrer von mir.
Und dann habe ich einfach mit denen gesprochen. “Sie haben doch gestern so schlecht über mich geredet”. Das ist immer was anderes, wenn man konfrontiert. Natürlich, wenn man konfrontiert. Das habe ich immer so gemacht. Negativ – da gehe ich gleich rein.

Was wäre der Rat an einen jungen Dirigent? 

Ein junger Dirigent, also ich mache sehr viele Ratschläge für junge Dirigenten in Amerika.
Es ist einfach, mach genau, was dir im Kopf herumschwirrt. Und wenn du ein Projekt machen willst, mach das Projekt. Und du hast genug Leute, das musst du nicht vergessen.
Ich hatte ein tolles Umfeld. Die waren einfach nicht klassisch speziell interessiert. Aber die Menschen hier haben mich sehr gut behandelt.
Die klassische Elite hat mich gut behandelt. Okay. Und darum habe ich mich auch entschlossen, ein Orchester zu gründen. Ich habe ja zwei Chöre und ein Orchester in Amerika, College Symphony Orchestra und Chorus. Und das sind teilweise Profis und teilweise Amateure. Im Orchester sind etwa 50 Profis und 20 oder 30 Amateure. Und im Chor sind es nur 11 Profis und alle anderen sind Amateure.

Warum kein Frack bei der Klassik? 

Das ist mir völlig egal.

Er hat keinen bestimmten Grund?

Nein, überhaupt nicht.

Ich muss mich selbst sein. Darum bin ich ausgewandert. Okay.

Weil hier in der Choreophäe von klassischer Musik ging das nicht. Da ist ganz klar für mich, dass ich weg muss.

Was sollte einen Zürcher – zum Beispiel einen Zürcher motivieren – ins Unterengadin zu kommen, zu der Aufführung?

Erstens ist es super schön. Abgesehen davon, sZweitens, der Zürcher würden das lieben, was wir machen. Denn unser Projekt ist sehr international. Wir sind Leute aus Amerika. Und wir haben einen Chor gegründet da oben. Das haben wir schon zum letzten mal mit Beethovens 9. gemacht.

Das ist jetzt die zweite Ausgabe des Festival School Classic. Damals hatten wir schon Erfolg. Wir haben 3000 Tickets verkauft.

Natürlich spielen wir in einer Eishalle. Das ist auch ungewöhnlich. Das ist der einzige Platz im Unterengadin, wo man das machen kann.

Aber es hat gute Akustik, weil es alles aus Holz ist. Das ist das Interessante daran. Und es ist einfach eine fantastische Atmosphäre bei uns.

Urs Leonhardt Steiner Dirigent

Sind bereits Fortsetzungen geplant?

Natürlich. In zwei Jahren mache ich dann ein Werk direkt.

Was wäre ein Werk, was Sie noch gerne aufführen oder dirigieren würden?

Ich bin dabei, das Symphony of a Thousand von Gustav Mahler zu präparieren.

Das wäre dann das Nächste vielleicht?

Ja, ich weiß nicht, ob ich das hier machen kann. Ich präpariere es für zwei Jahre in Amerika. Mal sehen, ob das hier auch klappt.

Das braucht mindestens 400 Sänger und 170 Leute im Orchester. Aber in Amerika kann ich das machen. Da habe ich genug Leute, die das wollen.

Das ist eigentlich ein Traum von mir für die nächste Zukunft.

Danke für das Interview, für das Gespräch.


Scuol Classics

Ziel des Vereins Scuol Classics ist es, internationale Spitzenmusiker mit lokalen Ensembles und der Region Graubünden zusammenzubringen.

2024 wurde mit großem Erfolg die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven aufgeführt.

2026 steht Carmina Burana von Carl Orff im Mittelpunkt. Das Werk wird gemeinsam mit dem Golden Gate Symphony Orchestra & Chorus aus San Francisco aufgeführt. Rund 130 bis 150 Musikerinnen und Musiker aus Graubünden und den USA wirken mit. Die musikalische Leitung liegt bei Urs Leonhardt Steiner.


Die Carmina Burana von Carf Orff

„Carmina Burana“ bezeichnet ursprünglich eine Sammlung mittelalterlicher Lieder und Gedichte aus dem 11. bis 13. Jahrhundert. Die Handschrift wurde im Kloster Kloster Benediktbeuern entdeckt, weshalb sie den lateinischen Namen Carmina Burana („Lieder aus Beuern“) erhielt.

Besonders bekannt ist heute jedoch die gleichnamige Kantate von Carl Orff, die 1935–1936 entstand. Orff vertonte 24 Texte aus der mittelalterlichen Sammlung für Solisten, Chor, Kinderchor und großes Orchester.

Das berühmteste Stück daraus ist O Fortuna. Der kraftvolle Chor wird häufig in Filmen, Werbespots und Trailern verwendet.

Inhalt

Die Kantate behandelt Themen wie:

  • das wechselhafte Schicksal (symbolisiert durch das Rad der Fortuna),
  • Liebe und Frühling,
  • Lebensfreude und Feste,
  • Wein, Genuss und Vergänglichkeit.

Aufbau

Die Komposition besteht aus mehreren Teilen:

  1. Fortuna Imperatrix Mundi („Fortuna, Herrscherin der Welt“)
  2. Primo vere („Im Frühling“)
  3. In taberna („In der Schenke“)
  4. Cour d’amours („Liebeshof“)
  5. Abschließende Wiederholung von „O Fortuna“

Die Uraufführung fand 1937 in Frankfurt am Main statt. Heute gehört Carmina Burana zu den meistaufgeführten Chorwerken des 20. Jahrhunderts und gilt als eines der bekanntesten Werke von Carl Orff.

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