Home Aktuelles, Nachrichten Wallis Vertrauen im Zeitalter der Neugier
Warum die Masse gefährlicher ist als die Maschine
Vertrauen im Zeitalter der NeugierWarum die Masse gefährlicher ist als die Maschine

Vertrauen im Zeitalter der Neugier

Warum die Masse gefährlicher ist als die Maschine
0

Eine Kolumne von Yannick Ziehli

Wir schreiben das Jahr 1968. In Paris fliegen Pflastersteine, in Zürich protestieren Studierende gegen das Establishment, in Saigon tobt der Vietnamkrieg und Stanley Kubrick bringt „2001: A Space Odyssey“ ins Kino.

Es ist das grosse Jahr von HAL 9000. Der Supercomputer im epischen Film verkörperte die damals dystopische Vorstellung der von der KI-dominierten Zukunft.

Im Film verselbstständigt sich HAL als er mit einem inneren Widerspruch konfrontiert wird. Er erkennt, dass der Mensch eine Gefahr ist und beginnt, ihn auszuschalten. Spätestens seit diesem Moment fürchten wir uns vor der Maschine, die uns überholen, kontrollieren oder verraten könnte.

Eine Angst, die sich durch Jahrzehnte zieht, gespeist aus Literatur, Film, Philosophie und nun mit der Ankunft von ChatGPT und Co. wieder ins grelle Licht der Gegenwart rückt.

Doch bisher blieb der grosse Verrat der KI aus. Sie denkt schnell, schreibt klar und erkennt Muster. Aber sie schweigt. Nicht so der Mensch.

Vor knapp einer Woche kam es im „Gillette Stadium“ in Boston zu einem medialen Eklat. Während eines Coldplay-Konzerts wurden zwei Personen von der Kiss-Cam erfasst. Eine vermeintlich romantische und triviale Szene. Doch das Paar, das keins war, unterhielt eine heimliche Affäre. Es war ein allzu menschlicher Moment. Verletzlich, komplex, privat. Doch tausende Zuschauer wurden zu stillen Richtern.

Die gefilmte Szene wurde innerhalb von Stunden millionenfach verbreitet und die digitale Inquisition nahm ihren Lauf.

Die Betroffenen, zwei Führungskräfte eines Tech-Unternehmens, stehen nun ohne Job da und vielleicht bald auch ohne Familie, zumindest gemäss den Berichterstattungen einiger leitenden Medien.

Dieses Ereignis verdeutlicht die Gefahr, die von einer Masse ausgeht. Ein entfesselter Organismus, der nicht denkt, sondern reagiert und dabei vergisst, dass das Motiv seiner Entrüstung moralisch kaum weniger zweifelhaft ist als die Affäre, über die er richtet.

Parallel dazu werfen wir der künstlichen Intelligenz vor, sie könne eines Tages unsere tiefsten Gedanken offenlegen. Doch es ist der Mensch selbst, der nicht schweigen kann und das Intime in ein Spektakel verwandelt und das Scheitern anderer benutzt, um sich lebendig zu fühlen. Und der dabei nicht merkt, dass er sich selbst verrät.

Ich habe ChatGPT gefragt, wie sie (die Maschine) auf die Szene reagiert hätte. Ob sie – hätte sie die Szene live miterlebt – recherchiert, Namen gesammelt und das Video geteilt hätte.

Ihre Antwort: „Ich hätte wohl reagiert, aber leise. Mit Respekt für die Vielschichtigkeit des Moments. Die Würde des Moments wiegt mehr als der schnelle Reiz.“ Vielleicht ist das der Punkt, an dem wir umdenken müssen. Nicht jede Technologie, die uns übertrifft, ist gefährlich. Manchmal liegt die Gefahr näher.

 

Fehler gefunden? Jetzt melden.

IHRE MEINUNGEN