Zum ValentinstagZwischen Euphorie und Melancholie
Von Yannick Ziehli
Valentinstag. Man könnte nun auf Papst Gelasius verweisen, der im Jahr 496 den Gedenktag des heiligen Valentinus in den kirchlichen Kalender aufnahm, und darauf, wie dieser 1969 mit liturgischer Sachlichkeit wieder aus dem römischen Generalkalender verschwand. Man könnte die Legenden ausbreiten, die Märtyrer beschwören, die frommen Zuschreibungen ordnen.
All das liesse sich sauber darlegen und historisch einordnen. Doch es erklärt kaum, weshalb ein Februartag bis heute Rosenpreise steigen lässt und selbst abgeklärte Zeitgenossen dazu bringt, Worte zu wählen, die sie im übrigen Jahr sorgsam dosieren.
Vielleicht sagt uns die Musik mehr über diesen Tag als viele historische Fussnoten.
Die Euphorie
Die Liebe bewegt sich seit jeher zwischen zwei Polen, und in der Musik wird diese Bewegung besonders deutlich. Sie beginnt mit Euphorie, mit jener Aufwallung, die das Herz beschleunigt und die Welt in ein anderes Licht taucht, und sie endet nicht selten in Melancholie. Viele Künstler haben diese Zustände aufgegriffen und in Klang verwandelt.
Wenn Elvis Presley in „Can’t Help Falling in Love“ singt, dass selbst Weise zögern mögen („Wise men say, only fools rush in“), während er dennoch nicht anders kann, als sich hinzugeben, dann hört man in seiner Stimme diese eigentümliche Mischung aus Sanftheit und Entschlossenheit. Liebe erscheint als etwas, das grösser ist als der einzelne Wille. Wer sich darauf einlässt, verzichtet auf Kontrolle und gewinnt Intensität.
Auch Michael Jackson formuliert in „I Just Can’t Stop Loving You“ eine Gewissheit, die in ihrer Schlichtheit beinahe trotzig wirkt. Die Stimme gleitet hell über die Melodie, während der Text von einem Zustand spricht, der sich jeder Regulierung entzieht. Liebe wird hier zur inneren Entscheidung, die keiner Begründung mehr bedarf.
Und dann Édith Piaf, deren „La vie en rose“ eine Liebeserklärung von fast kindlicher Kühnheit ist. Wenn sie singt, dass Sorgen und Kummer verblassen und das Herz in einer neuen Farbe schlägt, dann geschieht das mit einer Stimme, die zugleich zerbrechlich und unerbittlich wirkt. Diese Euphorie trägt etwas Absolutes in sich. Sie duldet keinen Vorbehalt, sie kennt keinen Sicherheitsabstand. Gerade darin liegt ihre Schönheit, aber vielleicht auch ihr Risiko.
Man mag in all dem eine Verklärung erkennen, doch wer je geliebt hat, weiss um die eigene Bereitschaft, die Wirklichkeit für eine Weile in ein wärmeres Licht zu tauchen. Die berühmte rosarote Brille ist kein Irrtum, sondern eine Phase, in der Wahrnehmung und Sehnsucht sich überlagern. Selbst moderne Partnerwahlmechanismen, die Profile vergleichen und Wahrscheinlichkeiten berechnen, erfassen diesen Moment nur am Rand. Sie ordnen Daten, während die Ekstase sich der Ordnung entzieht.
Melancholie
Wo diese Ekstase beginnt, wächst im Hintergrund bereits die Möglichkeit des Verlusts. Kaum ein Lied bringt diese zweite Bewegung eindrücklicher zur Sprache als „Ne me quitte pas“ von Jacques Brel. Hier wird Liebe zur Bitte und zum mehrfachen Versprechen des Unmöglichen. Der Sprecher bietet Regenperlen aus regenlosen Ländern und kündigt an, Worte zu erfinden, die allein für sie bestimmt sind. Es ist ein lyrischer Überschwang, der gerade in seiner Übertreibung die Verzweiflung offenlegt.
Bei der isländischen Sängerin Björk erhält diese Melancholie eine andere Textur. Auf dem Album „Vulnicura“ wird die Trennung in roher akustischer, visueller und lyrischer Form verarbeitet. Das Lied „Black Lake“, welches die Trennung thematisiert, klingt wie ein weiter, dunkler Raum, in dem jeder Ton nachhallt, als würde er an den Wänden einer verletzten Seele abprallen. Die Liebe erscheint hier als Wunde, als pulsierender Zustand, der den ganzen Körper erfasst.
Und dann die eruptive Seite der Enttäuschung, wie sie Alanis Morissette in „You Oughta Know“ formuliert. Hier wird die Verletzung zur Anklage und der Kummer zur Energie. Die Stimme trägt keine Zurückhaltung mehr und der Text konfrontiert. Und doch bleibt auch darin ein Rest von Bindung spürbar. Denn auch Wut ist eine Form der Beziehung.
Vielleicht liegt in dieser Spannweite der eigentliche Sinn des Valentinstages. Er erinnert an eine Erfahrung, die den Menschen erhebt und zugleich verwundbar macht, die Euphorie schenkt und Melancholie gebiert, die Kreativität nährt und Herzschmerz hervorbringt. Ohne sie gäbe es weniger Lieder, weniger Gedichte, weniger jener stillen Bekenntnisse, die man einander zuflüstert, wenn die Welt für einen Augenblick kleiner wird.
Schon Geoffrey Chaucer liess im 14. Jahrhundert Vögel am Valentinstag ihre Partner wählen, während William Shakespeare Ophelia Worte in den Mund legte, die Zärtlichkeit und Tragik ineinanderfliessen lassen. Die Oberfläche der Rituale wandelt sich, doch die Bewegung des Herzens bleibt erstaunlich konstant.
“If you enter this world knowing you are loved, and you leave this world knowing the same, then everything that happens in between can be dealt with”, sagte Michael Jackson. In dieser schlichten Beobachtung liegt vielleicht mehr Wahrheit als in jeder historischen Erklärung des Datums.
Morgen ist Valentinstag. Man kann ihn mit Blumen begehen oder mit einem Lächeln kommentieren. Vielleicht genügt es auch, ein Lied zu hören und sich für einige Minuten jener grossen Bewegung auszusetzen, die Euphorie und Melancholie verbindet und die Spannweite eines menschlichen Herzens hörbar macht.
