
Anzère 2040Ein megalomaniakisches Tourismusprojekt – für wen, warum?
Von Paul Delahaut und Albert Ulrich
Darf ein solch überdimensioniertes, oft prestigegetriebenes Vorhaben im Tourismusbereich, das weit über die tatsächlichen Bedürfnisse der Region, der Einwohner oder der natürlichen Gegebenheiten hinausgeht und vor allem dem Größenwahn (Megalomanie) einzelner Politiker, Investoren oder Tourismusfunktionäre entspringt, von den Betroffenen in Frage gestellt werden?
Droht Anzère, seine Berge dem Altar der Unterhaltung um jeden Preis zu opfern? Hinter einer angeblich „strategischen“, teuren und vorgeblich partizipativen Studie zeichnet sich ein Projekt zur radikalen Umwandlung der Station ab. Hinter den hohlen Worten und fertigen Konzepten entsteht ein touristisches Frankenstein-Monster, das die Bewohner an den Rand drängt und den Berg in einen Vergnügungspark verwandelt.
Anzère 2040: Der Berg hat eine Maus geboren – oder schlimmer!
Vor einigen Monaten, kurz vor Beginn der Wintersaison, präsentierten die Verantwortlichen der Tourismuspolitik auf der «Walliser Adret» die Ergebnisse einer angeblich „strategischen“ und vermeintlich „partizipativen“ Studie, deren erklärtes Ziel es war, für die Station Anzère „ein Projekt zu schaffen, das uns vereint für eine Zukunft, die uns ähnelt“.
Nichts weniger als das! Beifall für die treffsichere Formulierung, die jedoch – im heutigen politisch korrekten und inklusiven Sprachgebrauch – nichts anderes ist als ein Feigenblatt, um eine Wahrheit zu verbergen, die man weder aussprechen noch zeigen darf. In der Schweiz, insbesondere in den Bergregionen des Wallis, aber auch anderen Tourismusorten, nimmt der Druck durch den Klimawandel, den Boom der Zweitwohnungen und die globalen Tourismustrends ständig zu. Lösungsansätze reichen von steuerlichen Maßnahmen über Besucherbeschränkungen bis hin zu Initiativen wie den „Alpine Sabbaticals“. Bundesinitiativen wie die Lex Weber (die Zweitwohnungen auf 20 % begrenzt) mildern zwar einige Probleme, lösen sie aber nicht.
Diese Studie wurde selbstverständlich an „Experten“ von außerhalb vergeben, die angeblich alles wissen und verstehen und mit vermeintlich makelloser Objektivität und Unparteilichkeit ausgestattet sind. Sie verkörpert perfekt das Sprichwort: Ein Berater ist jemand, der Ihnen Ihre Uhr abnimmt, um Ihnen zu sagen, wie spät es ist – und den Sie dafür auch noch bezahlen. Für etwas über 40.000 CHF hat das französische Beratungsunternehmen Protourisme–BR Conseil genau den erwarteten Bericht geliefert, der auf der Website von Anzère Tourisme, dem Auftraggeber, einsehbar ist.
Wer genau hinsieht, stellt fest, dass die Maus, die der Berg geboren hat, nichts mit dem versprochenen vereinigenden Projekt zu tun hat. Und es besteht Grund zur Annahme, dass diese „Traumstation der Zukunft“, wie sie sich die Verfechter eines massentouristischen Konsumtourismus vorstellen, kaum den Erwartungen der wenigen tausend Zweitwohnungsbesitzer entspricht. Ihre Stimme wurde in einem bestens geölten Prozess systematisch unterdrückt – durch Auswahl der Teilnehmer, Begrenzung der Redezeit oder, wie im Fall des Vereins Anzère R2, durch schlichten Ausschluss aus diesem Pseudodialog. Die Stimmen der Einheimischen und Zweitwohnungsbesitzer werden von den Plänen der „Tourismusexperten“ konsequent an den Rand gedrängt.
Gleich zu Beginn ist die Marschrichtung klar: Man muss die „kalten Betten“ bekämpfen, die das wirtschaftliche Gleichgewicht der Station bedrohen. Die Schuldigen sind schnell gefunden: die Eigentümer von Zweitwohnungen, die einst vom Versprechen einer familiären Station angelockt wurden aber egoistisch an das Versprechen glauben und ihre Wohnung für den familiären Gebrauch zu behalten. Noch schlimmer: Ein Teil der Zweitwohnungsbesitzer zeige laut Bericht „eine Haltung der Opposition, die sich nur schwer in die Abstimmung und gemeinsame Projektentwicklung integrieren lässt, starr in ihrer Position und schädlich für das Ökosystem der Station“. Natürlich konnte man vom Berater nicht erwarten, dass er die Hand beißt, die ihn füttert – zumal diese Hand den Verein Anzère R2 seit Jahren aus dem Entscheidungszirkel fernhält.
Anzère verfüge über 8.666 Betten, von denen 60 % „kalt“ seien. Diagnose gestellt, Lösung einfach: Man muss die Zahl der kommerziell vermieteten Betten erhöhen und Durchgangsgäste mit einem Unterhaltungsangebot anlocken. Wie? Durch die Vermehrung sogenannter „spielerischer“ Aktivitäten für „urbane Abenteurer“ und die Generation Z – die Red-Bull-Generation – also Konsumenten von „fun“-Freizeitangeboten.
In einem bei Politikern so beliebten Benchmarking-Vergleich mit anderen Stationen liefert die Studie einen wahren „Club-Med“ bzw. Vergnügungspark-Katalog: Freizeitanlagen verteilt auf Pas de Maimbré, Les Grillesses, Les Rousses, am Lac de Tzeuzier … alles, um Adrenalinjunkies zu befriedigen, die man natürlich mit möglichst wenig Anstrengung direkt vor die Attraktionen karren muss. Pech für den schönen Berg der alteingesessenen oder herzensverbundenen Anzèrois, die seltsamerweise schweigen angesichts dessen, was wie eine Verwüstung anmutet.
Um dieses als „ambitioniert“ bezeichnete Angebot umzusetzen, wären 20 bis 25 Millionen CHF nötig – eine Summe, die angeblich bescheiden ist im Vergleich zu großen Stationen – sowie die Schaffung einer zentralisierten Mega-Governance-Struktur, die alle bestehenden Instanzen zusammenführt. Natürlich kein Wort zur konkreten Finanzierung, obwohl klar ist, dass die Zweitwohnungsbesitzer dafür zur Kasse gebeten werden, und auch nichts zu den wirtschaftlichen Erträgen eines Padel-Platzes, eines Kletterparcours, einer Himalaya-Hängebrücke oder anderer Lockspeisen.
Der Konflikt, der Anzère um Massentourismus, „kalte Betten“ und die Umwandlung natürlicher Flächen in Vergnügungsparks erschüttert, findet sich in einigen Schweizer Tourismusregionen wieder. Die wiederkehrenden Probleme – Überlastung durch Tagesgäste, Spannungen zwischen Einheimischen und Zweitwohnungsbesitzern, Abwägung zwischen Naturschutz und wirtschaftlich-steuerlichem Druck sowie Widerstand gegen Übertourismus – lassen sich nicht mit einer pseudostrategischen und pseudo-partizipativen Studie wegwischen.
Die Frage bleibt offen: wer bezahlt den durch Magic Pass und Tageskarten geförderten Tages-Massentourismus?
Der Schluss dieses prachtvollen Technicolor-Berichts Anzère2040, der nicht an schönen Worten spart, bedient sich eines Aphorismus von Maurice Blondel, um die Sache endgültig einzuwickeln: „Die Zukunft lässt sich nicht vorhersagen, sie wird vorbereitet.“ Genau das bestätigt unsere Befürchtungen: Wir stecken mitten im sozialen Konstruktivismus. Die Wissenden werden entscheiden, was gut ist für uns – und für sie – und uns vorschreiben, wie wir zu marschieren haben. Ein konstruktiver Dialog zwischen Zweitwohnungsbesitzern, Behörden und Tourismusverantwortlichen wäre weitaus fruchtbarer als deren systematische Ausgrenzung aus den Zukunftsprojekten der Tourismusregion Anzère.
Hätte der Berg nur eine Maus geboren, könnten wir damit noch leben. Aber es entsteht ein touristisches Frankenstein-Monster, und die Zukunft, die man uns bereitet, erinnert stark an das dekadente Rom: „Brot und Spiele“ – auf Kosten der Natur, der Ruhe und ohne viel Rücksicht auf die, die diesen Ort wirklich lieben.
Die beiden Autoren sind im Vorstand von „Anzère R2 – Zweitwohnungen“

