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Coat of Many Colors
David Klein zum Tod von Dolly PartonCoat of Many Colors

David Klein zum Tod von Dolly Parton

Coat of Many Colors
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Von David Klein

Anlässlich des Todes von Dolly Parton wurde mir auf X ein Video aus den 90er Jahren in die Timeline gespült. Es zeigt eine klatschvergnügte Parton, die während eines privaten Irlandurlaubs mit ihrem Manager Walter Hagan im Pub des Gaelic-Football-Stars Páidí Ó Sé spontan ihren Song «Coat of Many Colors» zum Besten gibt.

Dass die Country-Ikone überhaupt in Páidís winziger Spunte im malerischen County Kerry landete, hatte der legendäre Defender seiner Mutter Beatrice zu verdanken, die den Weltstar zufällig traf und kurzerhand in das Lokal ihres Sohnes einlud. Ob sie sich dabei Chancen für ihren Sprössling ausrechnete, ist nicht überliefert.

Ein sichtlich angetaner Páidí stellt seinen Gast auf Irisch vor und lässt Dolly wissen, dass in seinem Pub schon einmal Weltgeschichte geschrieben wurde: 1985, als Kerry das All-Ireland-Finale gewann – mit ihm als Captain, notabene. Als Willkommensgeschenk überreicht er Dolly sein Trikot von damals. Gewaschen habe er es seither nicht. Dolly pariert blitzschnell: «Ich hatte gehofft, dass noch etwas Schweiss drin ist». Sie breitet das Trikot mit diebischer Freude über ihren Atombusen, das Publikum tobt.

«Hello, welcome to Ireland», frotzelt die fantastisch gelaunte Parton. «My name is Dolly, ich bin hier im Urlaub und hatte eigentlich nicht vor, heute Abend zu singen. Ich kam her, um selbst unterhalten zu werden.» Dann deutet sie auf den Gitarristen neben sich: «Aber er sagte, er kenne meinen Song ‹Coat of Many Colors›, und fragte mich, ob ich ihn singen wolle. Ich weiss nicht, wie wir klingen werden» – und augenzwinkernd: «Es ist für uns beide das erste Mal.»

Dann liefert sie aus dem Stand eine perfekte Version von «Coat of Many Colors» ab. Das Lied erzählt eine Geschichte aus Partons Kindheit in Tennessee. Die Familie ist bitterarm, Geld für Winterkleider gibt es nicht. Also näht ihr die Mutter aus Stoffresten einen bunten Mantel und erzählt dabei die biblische Geschichte von Joseph und seinem vielfarbigen Gewand. Voller Stolz geht Dolly damit zur Schule. Doch die Kinder lachen über das Flickwerk.

Sie versucht ihren Gspänli zu erklären, wie viel Liebe die Mutter in jeden einzelnen Nadelstich gelegt hatte. Sie erzählt ihnen auch von Joseph, dem Lieblingssohn Jakobs, dem sein Vater ein prächtiges, vielfarbiges Gewand schenkte und damit den Neid seiner Brüder weckte. Doch die Kinder verstehen die Allegorie nicht.

Der Song endet mit einem Refrain, der wie ein Echo aus den «Jahreszeiten meiner Jugend» herüberweht, die Parton in der ersten Strophe des Lieds besingt: «Yes, it’s true we had no money, but I was rich as I could be in my coat of many colors that mama made for me.»

Und plötzlich kamen mir die Tränen.

Ich musste weinen, weil mir dieses Video wie eine Flaschenpost vorkam, die aus einer längst vergangenen Welt an die Ufer unserer Zeit gespült worden war.

Weil wir in einer Welt leben, in der Kinder den Wert eines Menschen an Sneakers, Jacken und Handys bemessen. Einer Welt, in der Milliardenkonzerne Eltern zu Erfüllungsgehilfen einer schamlosen Konsumhierarchie machen, während Influencer auf TikTok, Instagram und YouTube den Kindern die Rangabzeichen diktieren, nach denen auf den Schulhöfen die Hackordnung vollstreckt wird.

Weil die Jahrtausende alte Weissagung des Propheten Jesaja von einer Wirklichkeit, in der Gut und Böse verkehrt sind und das Licht der Finsternis gewichen ist, sich in einer moralisch entgleisten Gegenwart erfüllt zu haben scheint. Einer Dystopie, in der ein ideologisch entgrenzter Zeitgeist die Begriffe von Mann und Frau aufgelöst und ausgerechnet die evolutionäre Urkraft des Mutterseins zum defizitären Lebensentwurf degradiert hat.

Weil uns seelenlose Tech-Giganten zu Versuchskaninchen eines amoklaufenden Sozialexperiments an der Weltgemeinschaft gemacht haben, dessen verheerende Folgen längst ausser Kontrolle geraten sind und das gemäss Umberto Eco «den Dorfdeppen zum Träger der Wahrheit» gemacht hat. Eine «Invasion der Idioten», die über «dieselbe Öffentlichkeit wie ein Nobelpreisträger» verfügten.

Weil die digitalen Jauchegruben einer verwahrlosten «Community» Ecos Idioten nicht mehr nur eine Bühne bieten, sondern ihren Irrsinn exponentiell multiplizieren. In Irland und England starben binnen weniger Tage zwölf Menschen bei «Joyriding»-Crashes einen obszönen Klicktod. In Spanien verrichten Jugendliche beim «reto marrón», der «braunen Herausforderung», in öffentlichen Schwimmbädern ihr «grosses Geschäft», um die Räumung und das anschliessende Chaos zu filmen.

Weil wir mit einer Gegenwart konfrontiert sind, die sich in ihrer Verkommenheit permanent selbst übertrifft – in der die gröbste Dummheit ein Millionenpublikum findet, jede Gemeinheit ihren Algorithmus – und jeder berührende Augenblick zum «Content» verkommt.

Ich musste weinen, weil mit Dolly Parton ein hinreissendes Menschenkind seine Reise in die Ewigkeit angetreten hat, das den Zauber einer verlorenen Zeit in sich trug – einer Zeit, die meine Kinder aus meinen Erzählungen kennen, die ihnen aber nur noch im fernen Nachhall meiner Erinnerungen begegnen wird.

(Bild: Dolly Parton erhält den Woodrow Wilson Award)

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