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17 Konzerte: über 11 Spieltage zwischen Genf, Sion, dem Saas- und Lötschental bis nach Münster im Goms
Festival für Neue Musik Forum Wallis 202617 Konzerte: über 11 Spieltage zwischen Genf, Sion, dem Saas- und Lötschental bis nach Münster im Goms

Festival für Neue Musik Forum Wallis 2026

17 Konzerte: über 11 Spieltage zwischen Genf, Sion, dem Saas- und Lötschental bis nach Münster im Goms
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Das Festival für Neue Musik Forum Wallis 2026 ist Geschichte: 17 Konzerte fanden vom 4. Juni bis zum 4. Juli 2026 über 11 Spieltage zwischen Genf, Sion, dem Saas- und Lötschental bis nach Münster im Goms statt, wobei das Goms erstmals das eigentliche Epizentrum des Festivals bildetete.

An der Ausgabe zum 20jährigen Bestehen des Festivals — das Forum Wallis fand 2006 erstmals statt — wurde Musik von 95 Komponistinnen und Komponisten aus über 40 Ländern gespielt, 16 davon waren WalliserInnen. 40 Werke wurden zum ersten Mal in der Schweiz gespielt (Schweizpremieren), 13 Werke wurden am Forum Wallis uraufgeführt (Weltpremieren), 95% der Stücke waren nicht älter als 4 Jahre.

Die Konzerte waren gut besucht, gemessen an die Grösse und Entfernung der Spielstätten sogar über Erwarten gut. Die knappen finanziellen Rahmenbedingungen konnten eingehalten werden. Die Medienresonanz war wie zu erwarten auch national und international ansprechend, und das Publikum zeigte sich mehr als glücklich und dankbar für die Qualität, Sorgfalt, Originalität und Kompromisslosigkeit, aber auch für die emotionale Dichte und Frische des Programms sowie für die grosse Vielfalt an Entdeckungsangeboten. Die Planung für die Festivalausgabe 2027 ist bereits angelaufen.

Das Forum Wallis ist ein 2006 gegründetes internationales Festival für Neue Musik und steht unter der Leitung der IGNM-VS, der Ortssektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik ISCM (International Society of Contemporary Music). In deren Vorstand walten die international tätigen Walliser Musiker und Komponisten Manuel Mengis, Hans-Peter Pfammatter, Ulrike Mayer-Spohn und Javier Hagen.

Das Festival setzt sich mit Vorrang für das Schaffen und die internationale Vernetzung von Neuer Musik im Allgemeinen, und im Besonderen von zeitgenössischer Schweizer und Walliser MusikerInnen und KomponistInnen ein. Seit 2006 hat das Forum Wallis über 350 Uraufführungen mitproduziert und Werke von über 500 KomponistInnen aus aller Welt präsentiert, darunter Stockhausens Helikopterstreichquartett zusammen mit dem Arditti Quartet, André Richard und Air Glaciers, Holligers Alp-Cheer und Cod.Acts Pendulum Choir.

Zu den einzelnen Konzerten:

Das Minguet-Quartett spielt Feldmans 2. Streichquartett in Münster, Bild: Forum Wallis.

Das Minguet-Quartett spielt Feldmans 2. Streichquartett in Münster, Bild: Forum Wallis.Die 2026er Ausgabe startete am Fronleichnamsnachmittag in der Münstiger Kirche im Goms mit einem leisen aber lange nachhallenden Paukenschlag: Das deutsche Minguet Quartett, eines der renommiertesten Streichquartette Europas, spielte mit Morton Feldmans 2. Streichquartett das längste Werk dieser Gattung überhaupt. Wenn es schnell gespielt wird, dauert das einsätzige Stück etwa viereinhalb Stunden, langsam gespielt kann es aber auch weit über 6 Stunden dauern. In TikTok-Zeiten ist allein dieses Format schon ein Statement fast politischer Dimension und ein Plädoyer für Entschleunigung, Geduld und Ausdauer.

Mit 5 Stunden Spielzeit entschieden sich die Minguets für eine Midtempo-Lesart. Fein und zart webt sich das Stück durch die Zeit und löst eine konventionelle Zeitwahrnehmung ebenso zärtlich wie kristallklar auf. Das Stück erinnert an die Beschaulichkeit des Teppichknüpfens — eine Summe von Tausenden bewussten Mikroentscheidungen im Dienste eines grossen Ganzen. Und wie die Minguets das Werk umsetzten, präzise, filigran, betörend klangsinnlich, liess die Sehnsucht aufkommen, das Konzert möge schlicht nicht enden.

Dass über die Dauer der ganzen Aufführung mehr als 60 Personen dem Konzert in Münster, einem 300-Seelen Dorf, beiwohnten, ist hierbei besonders bemerkenswert.

Voutchkova/Strahl/Mengis/Pfammatter und Erb/Mayas/Läng in der Münstiger Pfarrkirche, Bilder: Forum Wallis.
Voutchkova/Strahl/Mengis/Pfammatter und Erb/Mayas/Läng in der Münstiger Pfarrkirche, Bilder: Forum Wallis.

Am 5. und 6. Juni waren, ebenfalls in Münster, zwei Topformationen der schweizer und europäischen Improvisationsszene zu Gast: Voutchkova/Strahl/Mengis/Pfammatter und Erb/Mayas/Läng. Beide Abende verzauberten durch ihre kammermusikalische Intimität und durch die spürbar enge Vertrautheit der Musikerinnen und Musiker.

Dem Publikum war gut anzumerken, wie es die Einmaligkeit des Augenblicks zu erleben verstand, lebendigen Musikern mit ihren Instrumenten beim Erfinden und Formen von Musik in Echtzeit live zuzuhören — bei der zunehmenden Präsenz KI-generierter Musik in unserem Alltag ein gesunder Reflex.

UMS'nJIP und Luis Tabuenca im MEbU — In der Nahaufnahme verwildern wir, Bild: Forum Wallis.
UMS’nJIP und Luis Tabuenca im MEbU — In der Nahaufnahme verwildern wir, Bild: Forum Wallis.

Am Sonntag, dem 7. Juni waren über den ganzen Tag sämtliche Zyklen aus dem Lyrikband In der Nahaufnahme verwildern wir von Rolf Hermann am MEbU zu hören. Das Neue Musik-Duo UMS’nJIP und Luis Tabuenca, der Preisträger des Reina Sofia-Kompositionspreises 2026, haben die 4 Gedichtzyklen im störgarten, entwendete fenster, neophyten und eins in intime Liederzyklen verwandelt.

Eine leise, feinsinnige Musik ist es, kammermusikalisch sorgfältig ausgehört, abwechlungsreich, formal elegant und von grosser sprachlicher Sensibilität. Erstaunlich kurzweilig, und mit ausladenden 8 Stunden Spieldauer die zeitliche Entsprechung zu Feldmans 2. Streichquartett und eine sinnige Schlussklammer zum Abschluss dieses Konzertwochenendes in Münster.

Proyecto Piano Joven in Sion, beim gemeinsamen Singen in Fiesch, bei Bizzi Historical Keyboards in Varese, Bilder: Forum Wallis.
Proyecto Piano Joven in Sion, beim gemeinsamen Singen in Fiesch, bei Bizzi Historical Keyboards in Varese, Bilder: Forum Wallis.

Unter dem Label Adventurous Sounds spielte das Proyecto Piano Joven PPJ aus Sevilla, ein seit 20 Jahren bestehendes Projekt für junge Pianistinnen und Pianisten, am Forum Wallis zum ersten Mal in der Schweiz. Adventurous Sounds ist eine didaktische Programmschiene des Forum Wallis, bei welcher Kinder und Jugendliche spielerisch an Neue Musik herangeführt werden.

Das PPJ stellte an den Konservatorien von Genf und Sion insgesamt 9 extra für sie geschriebene Werke namhafter spanischsprachiger KomponistInnen für Klavier und Live-Elektronik vor, 7 Schweizpremieren und 2 Uraufführungen (Gelabert und Batanero). Unter der Leitung von Ignacio Torner vom Ensemble Taller Sonoro aus Sevilla, einem der wichtigen spanischen Ensembles für Neue Musik, performten die Teenager ein volles Programm, das kompositorisch und interpretatorisch in keinem Augenblick den Vergleich mit demjenigen eines Spezialistenensembles scheuen musste — Chapeau!

Ergänzt wurde ihr Gastspiel mit Austauschveranstaltungen an den beiden schweizer Konservatorien, die ebenfalls Neue Musik-Projekte verfolgen. In Sion ist dies der einzige Neue Musik-Interpretationswettbewerb für Jugendliche in der Schweiz, in Genf sind es die einzigen Kompositionsklassen und Elektronikklassen auf Vorberufsstufe der Schweiz.

Die Tüpfelchen auf dem i waren für das PPJ der Besuch der Klaviermanufaktur Bizzi für historische Tasteninstrumente in Varese sowie die Aufführung von Beat Jaggys Kleiner Walsermesse auf Walliserdeutsch am 20. Juni zusammen mit dem Dorfchor und den Fiescher Schulkindern.

Der Oberwalliser Volksliederchor und Juan Arnez unterwegs durch Oberwalliser Dörfer, Bilder: Forum Wallis
Der Oberwalliser Volksliederchor und Juan Arnez unterwegs durch Oberwalliser Dörfer, Bilder: Forum Wallis

Vom 26. bis zum 28. Juni war der Oberwalliser Volksliederchor zusammen mit dem bolivianischen Volksmusiker Juan Arnez im Saas, im Lötschental und im Goms unterwegs.

Auch hier war, neben gemeinsam mit dem Publikum gesungenen Dialekt-Gassenhauern, das Neue ein Thema: frische Lieder im Volkston von Stefan Ruppen, Manuela Lehner-Mutter und Valentin Bregy neben 5 Premieren im bolivianischen Volkston von Juan Arnez, und zwar auf Spanisch und Quechua — einer jahrtausendealten Sprachgemeinschaft mit mehr als 14 Millionen Sprechern (das sind NB mehr Sprecher als bei 70% der in Europa offiziell als Sprache anerkannten Sprachen).

Die Konzerte waren ein Musterbeispiel an partizipativer Kunst und gelebter sozialer Praxis. Der Oberwalliser Volksliederchor in Hochform brachte zusammen mit Juan Arnez singend und tanzend die Säle in Feststimmung.

 Die Ars Electronica Forum Wallis 2026 Selection Concerts am MEbU in Münster, Bilder: Forum Wallis
Die Ars Electronica Forum Wallis 2026 Selection Concerts am MEbU in Münster, Bilder: Forum Wallis

Am 3. und 4. Juli schloss das Festival am MEbU im Goms mit den letzten beiden Konzerten der Ars Electronica Forum Wallis 2026 Selection Concerts. Die ersten beiden Konzerte der Reihe fanden zu Beginn des Festivals am 5. und 6. Juni ebenfalls am MEbU statt. 32 Stücke standen auf dem Programm und 17 weitere waren auf der Highly Commended-Liste. Sage und schreibe 29 Schweizpremieren wurden gespielt und 3 Uraufführungen (Lund-Jensen, Duchenne, Otani).

Über ein Dutzend der Komponistinnen und Komponisten reisten eigens zu den Konzerten an, teils aus China, den USA, Deutschland, Frankreich und Irland. Die 4 Konzerte boten einen willkommenen Anlass für einen regen Austausch, nicht nur szenenintern, sondern auch mit der lokalen Bevölkerung, welche den gut besuchten Konzerten rege beiwohnte.

Bemerkenswert — und für die Insider relevanter Diskussionsstoff — war der interpretatorische Ansatz des Forum Wallis am MEbU-Akusmonium: Live-Diffusion. Die Disposition des MEbU-Akusmoniums ist keine Standard-Aufstellung, sondern eine bewusst asymmetrische, eigens von Simone Conforti vom IRCAM in Paris für diesen Raum designt und darauf angelegt, live bespielt zu werden — eine Qualität, die im aktuellen und knapp getakteten Konzertbetrieb immer mehr in Bedrängnis gerät, und die in Münster besonders hervorgehoben und geschätzt wurde.

(pd, rm)

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