Interview mit Benedikt Weibel zum Grimseltunnel und anderen Bahnprojekten„Die Grimselwelt ist oben, nicht in einem Loch“
Guten Tag, Herr Weibel
Die NZZ brachte jüngst scharfe Kritik von Ihnen zum Grimseltunnel: “Was dieser Tunnel verkehrspolitisch soll, ist mir ein absolutes Rätsel”. Es gebe in dieser Ecke des Alpenbogens “keine großen Verkehrsströme”, zitiert Sie die Zeitung.
Zwei Jahre, bevor Sie ins Amt als damaliger SBB-Chef kamen, wurde gerade mit der Realisation des Vereina-Tunnels begonnen. Auf der Strecke gab und gibt es mindestens ebensowenig “große Verkehrsströme”. Trotzdem gilt er heute als großer Erfolg.
1) Wie standen Sie damals dem Projekt gegenüber?
Benedikt Weibel: Durchaus positiv. Bezüglich Verkehrsströme ist der Vereina-Tunnel mit dem Grimselprojekt nicht vergleichbar. Die Region Klosters und das Engadin sind Tourismus-Hotspots, ausserdem bietet der Vereina-Tunnel die einzige wintersichere Verbindung für den Autoverkehr mit dem Engadin an.
Auch der Albula-Tunnel, der 1898 bis 1903 gebaut wurde erschloß Randregionen ohne “große Verkehrsströme” und gilt als großer Erfolg.
Benedikt Weibel: S. oben
2) Hätten Sie denn solche Verkehrsprojekte an den Randregionen ohne “große Verkehrsströme” wie den Vereina-Tunnel und den Albula-Tunnel wie heute den Grimsel-Tunnel abgelehnt?
Benedikt Weibel: Es gibt Ströme, Flüsse, Flüsschen und Rinnsale – deshalb kann man diese Projekte nicht miteinander vergleichen. Aber ich stehe dazu, dass ich mich auch getäuscht habe. Ich war immer der Ansicht, dass wir uns nicht zwei Alpentransversalen leisten können. Heute bin ich meinem ehemaligen Departementschef Adolf Ogi dankbar, dass er den Lötschberg-Basistunnel durchsetzen konnte.
Sie äußern laut NZZ: “Wenn schon, ist es touristisch viel attraktiver, über den Pass zu fahren und die einmalige Landschaft zu bewundern”.
3) Würden Sie unter dem gleichen Aspekt auch den Lötschbergtunnel heute ablehnen?
Benedikt Weibel: Sicher nicht, weil man über den Lötschberg-Pass nicht fahren kann. Die «Grimselwelt» ist die atemberaubendste Passlandschaft Europas – und die ist oben, nicht in einem Loch. Ich war übrigens acht Jahre lang Präsident der Stiftung UNSCO-Welterbe Aletsch-Jungfrau. Im Stiftungsrat sassen je drei Gemeindepräsidenten aus dem Wallis und dem Berner-Oberland, darunter der Präsident von Guttannen. Damals, und das ist nicht lange her, hätte niemand auch nur im Traum an einen Grimsel-Tunnel gedacht.
Sie haben sich für einen Tunnel durch das Napfgebiet starkgemacht. Hierfür ernteten Sie scharfe Kritik. Ueli Stückelberger, Direktor des Verbandes öffentlicher Verkehr, kritisierte Sie:
Bei der Angebotsplanung müsse jedoch stets der Gesamtnutzen im Vordergrund stehen und nicht Einzelprojekte. “Zusätzliche Angebotsausbauten der Bahn müssen schwergewichtig die Agglomerationen bedienen und nicht das dünn besiedelte Napf-Gebiet.” Auch sei die Zentralschweiz primär auf Zürich ausgerichtet und nicht auf Langnau und Pfäffikon SZ. In diesem Sinne sieht der ÖV-Lobbyist für Projekte wie den Napf-Tunnel oder den ebenfalls diskutierten Grimseltunnel wenig Realisierungschancen.
Ueli Stückelberger lehnte Napftunnel und Grimseltunnel also mit den gleichen Gründen, “dünn besiedelt”, “zu wenig Gesamtnutzen” bei beiden Tunneln ab.
4) Warum sind Sie gegen den Grimseltunnel, wenn beim Napftunnel Sie diese Argumente nicht gelten ließen?
Benedikt Weibel: Wir haben die Neubaustrecke Mattstetten – Rothrist auch nicht wegen Mattstetten und Rothrist gebaut. Wenn man eine Schweizerkarte ansieht, fällt sofort auf, dass wir wegen dem “Napfkreis” auf Schiene und Strasse grosse Umwege fahren: Eine Banane zwischen Zürich und Bern, einen Bumerang zwischen Bern und Zug/Luzern. Eine direkte Verbindung zwischen Bern und Luzern/Zug würde die Reisezeiten schweizweit massiv verbessern. Ausserdem müsste man die Verkehrsinfrastrukturen zwischen Bern und Zürich weniger ausbauen und dank einer zweiten West-Ost-Achse würde unser Verkehrsnetz resilienter.
Im “Weidmann-Bericht” steht: “Der Grimseltunnel Meiringen – Oberwald will die Chance eines Kombinationsprojekts von Starkstrom-verbindung und touristischer Bahn nutzen; die Kosten würden sich zwischen den beiden Nutzern aufteilen. Bahnexperte Jürg Streuli von der Schweizer Eisenbahn-Revue wirft Ihnen vor, Zitat: “Tatsächlich würde dieser Tunnel nicht für sich alleine gebaut, was der Ex-SBB-Chef aber bewußt verschweigt“.
5) Wie äußern Sie sich zu diesem Vorwurf?
Benedikt Weibel: Dieses Argument spielt keine Rolle, da muss ich nichts verschweigen. Ausserdem frage ich mich, was man von einem Projekt halten soll, das 2022 noch mit 250 Mio Franken budgetiert war, und nun bereits 800 Mio kosten soll. Um es klar zu sagen: Diese Investition löst nicht nur hohe Folgekosten aus, sondern auch permanente Betriebsdefizite.
Gehen wir in den anderen großen Alpenkanton: Südostschweiz-Verleger Hanspeter Lebrument forderte vor Jahren, es sei überfällig, daß die Lenzerheide ans Bahnnetz angeschlossen werde. Fährt man von Thusis nach Bellenz so muß man auf den Bus umsteigen, was weitaus unbequemer ist (kein WC, kein Essen möglich, keine Bewegungsfreiheit). Anstatt des fehlende Streckenstück zwischen Thusis und Mesocco (Misoxerbahn) auszubauen, stellte man die Strecke nach einem Unwetterschaden ganz ein. Seit Jahren wird auch eine Anbindung zwischen Tirol und dem Unterengadin gefordert, das Alpenbahnkreuz Terra Raetica.
6) Was halten Sie von solchen Bahnprojekten in Alpenkantonen?
Benedikt Weibel: Man kann Bahnprojekte in drei Kategorien einteilen: Notwendig, wünschenswert und nice to have. Die Projekte, die Sie nennen, sind alle der letzten Kategorie zuzuordnen. Wir leben in ernsten Zeiten. Für Verteidigung, Gesundheitswesen und Altersvorsorge fehlen Milliarden. Das erste was wir tun müssen, ist, auf nice to have zu verzichten.
Vielen Dank für das Interview.
Benedikt Weibel (*1946) Dr. rer. pol., Studium und Assistenz an der Universität Bern. Diplomierter Bergführer. 1978 Eintritt in die SBB. 1993-2006 Vorsitzender der Geschäftsleitung der SBB.
Benedikt Weibel ist auch Autor zahlreicher Publikationen, nicht nur zu Mobilitätsfragen, sondern zu ganz unterschiedlichen Themen.
Eine Auswahl findet sich auf seiner Webseite: BenediktWeibel.ch
(Remo Maßat / Das Interview mit Benedikt Weibel wurde per Mail geführt.)
(Beitragsbild: Webseite Benedikt Weibel)
