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Die Schule auf dem Holzweg
Manifest zur Schule von Lothar Emanuel KaiserDie Schule auf dem Holzweg

Manifest zur Schule von Lothar Emanuel Kaiser

Die Schule auf dem Holzweg
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Wer sich in der Schule mit ihrem Auswendiglernen auch zu Tode gelangweilt hat, die Schule – oder zumindest viele Fächer, von denen er wußte, daß er sie nie wieder im Leben später brauchen werde – abstoßend fand, fühlt sich allenfalls besonders angesprochen. Doch das Thema geht wohl weit über langweiligen Zwang zum Auswendiglernen hinaus, sondern um eine Grundsatzfrage, wozu Schule Schüler erziehen soll. Kreativität oder gar Nachfragen / Hinterfragen ist meist nicht gefragt, viele Lehrer haben am liebsten die brav gehorsame Auswendiglerner. So auch heute. 

Mit 92 Jahren meldet sich der ehemalige Seminarleiter und Pädagoge Lothar Emanuel Kaiser mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für eine Schule zu Wort, die wieder stärker auf Wirklichkeit, Neugier und persönliche Begegnung setzt. Das Manifest das er am Ende seines Lebens verfaßt hat ist zugleich Rückblick, Mahnung und Aufruf zur Veränderung. Der hochbetagte Pädagoge schildert zu seiner Entstehung: 

In den letzten 5 Monaten lag ich drei davon in Spitälern. Zeitweise ging es mir gar nicht gut. An einem Abend im Spital Wolhusen bei sehr guter Behandlung war ich am Ende meiner Kräfte und ersehnte den Tod. Da überfiel mich ein «Gedankenschwall» mit der Aufforderung: Du mußt das, was dich immer mehr plagt, noch aufschreiben! Und ich konnte nicht mehr schlafen, denn das, was ich jetzt schreiben werde, durchzog ungeordnet und doch sehr heftig meinen Kopf. Daß ich so etwas noch einmal schreiben könnte, daran glaubte ich in meinem Zustand nicht”.

Lothar Emanuel Kaiser ist 92 Jahre alt. Rund vier Jahrzehnte seines Lebens hat er der Pädagogik gewidmet – als Primar- und Hilfsschullehrer, Seminarlehrer, Doktor der Pädagogik und während 18 Jahren als Leiter des Seminars Hitzkirch. Nun, im hohen Alter, hat ihn das Thema noch einmal mit voller Wucht eingeholt.

Nach mehreren Spitalaufenthalten begann Kaiser am 10. April 2026 im Altersheim Chrüzmatt in Hitzkirch seine Gedanken niederzuschreiben. Was ihn seit Jahren beschäftigt, wollte er nicht länger für sich behalten. Entstanden ist das „Manifest zur Volksschule – Die Schule auf dem Holzweg“.

Seine zentrale Forderung bringt Kaiser in drei Worten auf den Punkt: „Bach statt Buch.“

Wenn der Bach hinter dem Schulhaus vorbeifließt

Kaiser richtet sich nicht grundsätzlich gegen Bücher, Lehrmittel oder Unterricht im Klassenzimmer. Seine Kritik setzt an einem anderen Punkt an: an der zunehmenden Trennung von Theorie und Wirklichkeit.

Kinder sollen seiner Überzeugung nach die Welt nicht hauptsächlich aus Büchern, Bildern und Erklärungen kennenlernen, sondern möglichst zuerst mit eigenen Augen, Händen und Sinnen erfahren. Der Bach soll nicht lediglich im Schulbuch beschrieben werden, wenn er direkt hinter dem Schulhaus fließt. Der Wald soll nicht nur Gegenstand eines Arbeitsblattes sein. Blumen, Tiere, Landschaften, historische Spuren und das eigene Dorf sollen zum Ausgangspunkt des Lernens werden.

Erst kommt die Erfahrung – danach ihre sprachliche und wissenschaftliche Verarbeitung.

Kaiser nennt dies Lernen aus erster Hand. Demgegenüber stehe ein Unterricht, der zu oft über mehrere Vermittlungsstufen erfolge: Das Kind liest über die Wirklichkeit, statt ihr zu begegnen.

Sein bereits vor mehr als 50 Jahren formulierter Satz bringt diese Kritik auf pointierte Weise zum Ausdruck: „Der Lehrer nimmt den Bach durch.“ Der Bach wird beschrieben, gezeichnet, erklärt und geprüft – obwohl er draußen tatsächlich fliesst.

Schule soll Neugier bewahren

Für Kaiser ist damit eine grundsätzliche Frage verbunden: Was soll Schule überhaupt machen? Drill zum Auswendiglernen oder soll Schule – auch – Kreativität fördern?

Nicht möglichst viel Stoff soll im Gedächtnis eines Kindes abgelegt werden. Entscheidend sei vielmehr, daß die Freude am Lernen und die natürliche Neugier erhalten blieben, so Kaiser.

Denn vieles, was Menschen in ihrer Schulzeit gelernt haben, verschwindet später aus dem Gedächtnis. Kaiser hat deshalb Menschen gefragt, was ihnen aus ihrer Schulzeit geblieben sei. Die Ausbeute, schreibt er, sei oftmals erstaunlich gering gewesen.

Das bedeutet für ihn jedoch nicht, daß Schule unwichtig sei. Im Gegenteil: Sie müsse sich auf das Wesentliche konzentrieren. Lesen, Schreiben und Rechnen bezeichnet er als unverzichtbare Grundfertigkeiten, die während der gesamten Schulzeit immer wieder geübt und weiterentwickelt werden müßten.

Doch neben diesen Fähigkeiten brauche es etwas, das sich nicht mit einer Prüfung messen lasse: Begeisterung, Vertrauen, soziale Beziehungen, Anerkennung und die Erfahrung, etwas selbst entdecken und verstehen zu können.

Der Lehrer als Mensch

Eine zentrale Rolle kommt dabei dem Lehrer zu. Kaiser fordert Lehrpersonen auf, wieder stärker „ganz Lehrer“ zu sein und nicht lediglich einen Beruf auszuüben.

Vielen Lehrern sind brave Schüler, die gut auswendig lernen können lieber als Schüler, die Fragen stellen. Etwa wie dem hier Schreibenden während seiner Schulzeit immer wieder passiert, Antworten auf die Frage, wozu Dieses und Jenes gelernt werden müsse. Die Antwort der Lehrerin im Fach Handarbeit (oder wie das Fach nochmals hieß), war etwa, daß man Stricken lerne solle, falls es wieder einmal Krieg gebe und man selber Kleider machen müsse. Nicht wirklich überzeugend. Noch weniger überzeugend und bis heute als grauenhaft empfunden war das Fach Mathematik, mit dem Auswendiglernen von Algorithmen, die nie wieder im spätere Leben gebraucht wurden, was man als Schüler natürlich spürt, sofern man nicht zahlenbegeistert ist und später einmal Matheprofessor oder Ingenieur oder Änliches werden möchte.

Doch zurück zu Lothar Emanuel Kaiser: Kinder müßten als individuelle Persönlichkeiten wahrgenommen werden, so dieser. Ihre Begabungen gelte es zu entdecken und zu fördern – durch Ermutigung, persönliche Beziehungen und Anerkennung. Manchmal könne dafür schon ein Blick oder ein Schulterklopfen entscheidend sein.

Gleichzeitig plädiert Kaiser für mehr Freiheit der Lehrkräfte. Ein zu eng gefasster Lehrplan könne verhindern, daß Lehrer auf die konkrete Situation und die Interessen ihrer Schüler eingehen.

Dabei ist sein Manifest ausdrücklich keine pauschale Abrechnung mit den heutigen Lehrer. Kaiser betont selbst, daß es viele Lehrer gebe, die seine Vorstellungen längst umsetzten und, wann immer möglich, die Praxis vor die Theorie stellten.

Eine alte Idee mit neuer Dringlichkeit

Haben solche Anregungen eine Chance? So neu, wie Kaisers Forderungen auf den ersten Blick erscheinen mögen, sind sie nicht. Reformpädagogische Bewegungen haben bereits vor mehr als hundert Jahren versucht, Lernen stärker mit Erfahrung, Handlung und Lebenswirklichkeit zu verbinden.

Kaiser sieht allerdings eine neue Dringlichkeit. In einer Welt, die immer stärker von digitalen Medien, sozialen Netzwerken und künstlicher Intelligenz geprägt wird, stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Wirklichkeit erneut.

Kinder verbringen heute viel Zeit vor Bildschirmen. Informationen sind jederzeit verfügbar. Gleichzeitig wird häufig über Konzentrationsprobleme und eine immer kürzere Aufmerksamkeitsspanne diskutiert.

Kaisers Antwort darauf ist bewusst einfach: zurück zur Wirklichkeit.

Nicht als Absage an die digitale Welt, sondern als Gegengewicht zu ihr. Kinder sollen wieder beobachten, anfassen, ausprobieren, fragen, staunen und selbst Erfahrungen machen.

„Sowohl – als – auch“

Dabei wäre es falsch, Kaisers Manifest als Forderung nach einer Schule ohne Klassenzimmer, Bücher oder digitale Medien zu verstehen. Gerade sein abschliessender Gedanke weist in eine andere Richtung.

Das wahre Leben finde sowohl draußen als auch drinnen statt, schreibt er. Die Wirklichkeit brauche beide Seiten: Erfahrung und Sprache, Anschauung und Theorie, Natur und Kultur.

Es geht deshalb weniger um Buch oder Bach als um die richtige Reihenfolge und das richtige Verhältnis.

Erst die Welt erfahren – und dann darüber lesen. Erst beobachten – und dann erklären. Erst eine Frage entwickeln – und dann im Buch oder im Internet nach Antworten suchen.

Pestalozzi als geistiger Wegweiser

Am Ende seines Manifests ruft Kaiser einen alten pädagogischen Weggefährten in Erinnerung: Heinrich Pestalozzi, der bereits im 18. und 19. Jahrhundert die Bedeutung der Anschauung für das Lernen betonte.

„Die Anschauung ist das Fundament aller Erkenntnis.“

Dieser Satz könnte ebenso gut über Kaisers Manifest stehen.

Der 92-jährige Pädagoge versteht seine Schrift nicht als fertiges Schulprogramm. Vielmehr möchte er eine Debatte anstossen. Was ist wirklich wichtig, wenn Kinder heute auf eine komplexe Welt vorbereitet werden sollen? Wie viel Unterricht muss im Klassenzimmer stattfinden? Wann wird aus Lernen blosse Stoffvermittlung? Und wie gelingt es, jene Neugier zu bewahren, mit der jedes Kind auf die Welt kommt?

Kaisers Antwort ist radikal einfach: Schule darf die Wirklichkeit nicht aus den Augen verlieren.

Der Bach fließt schließlich noch immer hinter dem Schulhaus vorbei.

Bach statt Buch – aber vielleicht vor allem: Bach und Buch.

Denn das eigentliche Anliegen des betagten Pädagogen ist nicht, die Schule abzuschaffen. Er möchte sie daran erinnern, wofür sie da ist beziehungsweise eigentlich da-sein sollte: für das Leben.

Tja, wieviele Schüler würden sich wohl gerne auch einmal mit einem Bach befassen anstatt bloß aus Schulbüchern über Bach, Wasser, Seen, Meere, Klima und so weiter zu lesen und auswendig zu lernen.


Lothar Emanuel Kaiser lebt im Altersheim Chrüzmatt in Hitzkirch. Sein Manifest trägt den Titel „Die Schule auf dem Holzweg“.

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