Tages-Anzeiger infantilJungredaktorin spielt Bundesrätin
Ein Kommentar von Thomas Baumann
Zugegeben, «Jungredaktorin» tönt vielleicht etwas despektierlich. Auch wenn die Dame auf dem Foto noch ziemlich jung aussieht.
Immerhin war sie bereits für die NZZ als Bundeshausredaktorin tätig, danach für SRF in derselben Funktion und seit 2023 ist sie Leiterin der achtköpfigen Tamedia-Bundeshausredaktion. Ein ganz schöner Rucksack also.
Entsprechend widmeten ihr die Tamedia-Blätter auch schon ein Porträt. Es lautete: «So arbeitet die Chefin der Bundeshausredaktion».
Anekdote gefällig?
Da erfährt man: «An manchen Tagen plaudert sie in der Wandelhalle, an anderen jagt sie geheimen Regierungsgeschäften hinterher.» Sherlock Holmes auf der Redaktion. Sie weiss von «Anekdoten in der Wandelhalle, Vertrauliches am Telefon» zu berichten.
Das Büro hingegen ist «nüchtern eingerichtet», nichts von viktorianischem Chic. Und Schreck lass nach: «Die Wände sind giftgrün gestrichen, was Rhyn nicht besonders gefällt». Es bleibt bei Anekdoten in eigener Sache.
Doch was treibt die Leiterin der Bundeshausredaktion an einem Freitagabend um sechs Uhr? Das bleibt auf ewig ihr Geheimnis. Was sie vorher getan hat, wissen wir jedoch. Sie musste noch ein kleines Meinungsstück verfassen. Blöd, wenn die Zeit drängt und man endlich ins Wochenende will.
Liebe blöde Leute
Entsprechend blöd kommt dann auch das Meinungsstück daher. Schon im Titel hebt sie an: «Liebe Leute, wir müssen für die Armee die Steuern erhöhen».
Ist der Bundesrat eigentlich ein Kasperltheater? Und fühlt sich, wer entsprechend lange zuschaut, selber als Teil eines Kasperltheaters? Man könnte es fast meinen.
«Es ist Zeit, Klartext zu reden — auch mit der Bevölkerung», gebärdet sich die Schatten-Bundesrätin auf der Tamedia-Redaktion weiter.
Nun, mit solchem Gebaren ist sie auf der Redaktion nicht allein. Auf der Aussenstelle in Brüssel spielt noch ein weiterer Geselle Rumpelstilzchen: «Belgien muss endlich begreifen, dass der EU-Kredit auch in seinem Interesse ist». Schon blöd, wenn alle ausser dem Journalisten nichts begreifen.
Die Schweiz brauche «bis zu 70 neue Kampfjets statt nur 36, um sich verteidigen zu können» belehrt uns die Adjunktin des Kommandanten Luftwaffe im Bundeshaus bzw. auf der Tamedia-Redaktion.
Nassforsche Forderung
Georg Häsler auf der NZZ-Redaktion, welcher sich auch hin und wieder mit gewagten Thesen zum Fenster hinauslehnt, ist wenigstens Oberst. Welchen Dienstgrad hat Larissa Rhyn?
Die Begründung für die nassforsche Forderung: «Die Lage ist ernst. Russland ist eine Bedrohung für ganz Europa — auch für uns. Alle rüsten auf, und wir dürfen nicht aussen vor bleiben und uns auf andere Länder verlassen. Deshalb, liebe Leute, brauchen wir schnell mehr Geld für die Armee.»
Eigentlich gehört diese Begründung in doppelte Anführungzeichen, denn es ist nicht etwa die persönlich Meinung von Frau Rhyn, sondern das, was Frau Rhyn zufolge der Bundesrat hätte in die Medienmitteilung schreiben sollen, ja müssen.
Und eine Strategie hat Larissa Rhyn dafür selbstverständlich auch bereits ausgearbeitet: «Eine zweite Abstimmung über einen Zusatzkredit liesse sich leicht organisieren — wenn das Geld vorhanden wäre.» Doch woher soll dieses Geld kommen? Larissa Rhyn meint: Aus einer Erhöhung der Mehrwertsteuer.
Also: Mehrwertsteuer erhöhen, damit ist Geld vorhanden, damit eine neue Abstimmung über die Finanzierung von Kampfflugzeugen «leicht organisiert» werden kann. So einfach geht’s, zumindest gemäss Bundesrats-Einflüsterin Larissa Rhyn.
Blöd nur: Für eine Erhöhung braucht es eine Verfassungsänderung (Art. 130 BV) und damit eine Volksabstimmung. Aber wer will sich auch mit Staatsrecht, Bundesverfassung und dergleichen herumschlagen, der eine Bundeshausredaktion zu leiten hat?
Militär ist mehr als Kampfflugzeuge
Nun, mehr Geld für die Armee ist das eine. Die ganz andere Frage ist: Wohin, bzw. in welche Truppengattung sollen diese zusätzlichen Mittel fliessen? Bloss weil gerade Kampfflugzeuge zum Kauf stehen, muss man ja nicht unbedingt welche kaufen, sondern könnte auch in andere Truppengattungen investieren.
Man hört immer wieder vom «Drohnenkrieg» in der Ukraine. Die Ukraine ist, im Gegensatz zur Schweiz, mehrheitlich plattes Land. Wie gemacht also für den Einsatz von Kampfflugzeugen, könnte man meinen.
Und was sagen die Zahlen? Die Ukraine verfügte gemäss Wikipedia per Ende 2023 über 55 MiG-29 und rund ebensoviele Suchoi-Kampfflugzeuge der Typen Su-24, Su-25 und Su-27.
Die Verluste auf ukrainischer Seite während der ersten beiden Kriegsjahre beliefen sich, wiederum gemäss Wikipedia, auf 37 MiG-29 und 65 Suchoi-Jets. Russland verlor etwa 80 Kampfflugzeuge.
Ein Drittel der Jets am Boden zerstört
Somit besass die Ukraine vor Kriegsausbruch rund 90 MiG-29 und 120 Suchoi-Jets. Eher älteres Material und kaum zu vergleichen mit einem F-35.
Die Zahlen zeigen noch etwas: Ein gutes Drittel der ukrainischen Jets wurde auf Militärbasen und nicht bei Kampfeinsätzen zerstört. Alleine mehr Jets zu kaufen, bringt es also nicht, man muss sie auch am Boden schützen. Sonst ist rasch vorbei mit der Herrlichkeit.
70 F-35 dürften der ukrainischen Luftwaffe bei Kriegsausbruch im Februar 2022 mindestens ebenbürtig sein. Und bekanntlich schaffte es Russland nicht, die unbestrittene Kontrolle über den ukrainischen Luftraum zu erlangen.
Kommt hinzu: Die Schweiz ist ja nicht alleine in Westeuropa, sondern umgeben von weit grösseren Staaten mit entsprechend grösseren Streitkräften. Es ist zwar richtig, nicht Trittbrettfahrer zu spielen und auch seinen Beitrag zur gemeinsamen Verteidigung zu leisten. Aber die Schweiz muss Russland ja auch nicht alleine aufhalten können.
Zudem zeigt die Geschichte: Napoleon und Hitler sind beide in Russland gescheitert. Glaubt irgendwer, der ‹russische Bär› könne in umgekehrter Richtung einfach mal ratzfatz ganz Mittel- und Westeuropa bis zum Rhein erobern? Nachschublinien: null problemo? Da gackern ja die Hühner.

