Woyzeck und Walliser Volkslieder"UMS'nJIP" spielen in Münster
UMS’nJIP (Ulrike Mayer-Spohn und Javier Hagen) laden am Samstag, dem 31. Oktober, und am Sonntag, dem 1. November, zu zwei Doppelabenden ins MEbU nach Münster ein. Nach erfolgreichen Aufführungen in Essen, Duisburg und Nerja in Spanien kommt ihr Musiktheater Woyzeck für zwei Aufführungen wieder ins Goms zurück.
Ferner feiert am Wochenende auch ihr Programm flksngs_e YDLZüüG Premiere. Hierbei handelt es sich um das zweite abendfüllende Programm im Rahmen ihrer Arbeit am Walliser Volkslied. Subtil verändern sie Rhythmen und Melodien alter Volkslieder und betten diese in leise elektroakustische Klangflächen ein, visuell eingerahmt von Textprojektionen und grafisch aufbereiteten historischen Videos.
Nachdenklich wie unterhaltsam gewähren sie einen faszinierenden Einblick in die Vielfalt des lokalen Volksliedguts. Das Walliser Neue-Musik-Duo gehört mit über 35 internationalen Auszeichnungen zu den renommiertesten Ensembles seiner Art und zählt mit über 1600 Konzerten in 40 Ländern zu den aktivsten Ensembles der Gegenwart.
Zu den Aufführungsorten gehören das Colón in Buenos Aires, die Shanghai New Music Week und die Biennale in Venedig. Die Volksliederprogramme beginnen jeweils um 18.30 Uhr und dauern etwa eine Stunde. Die beiden Woyzeck-Vorstellungen beginnen jeweils um 20.30 Uhr. Der Eintritt zu den Konzerten ist wie immer frei (Kollekte). Um Reservation wird gebeten (mebu@umsnjip.ch).

UMS’nJIP’s Woyzeck
Woyzeck von UMS’nJIP basiert auf dem berühmten Dramenfragment von Georg Büchner aus dem Jahr 1837 und dauert etwa 75 Minuten. Textgrundlage ist das gekürzte und dramaturgisch verdichtete Original von Büchner. Im Mittelpunkt steht die bekannte Milieustudie über den einfachen Soldaten Franz Woyzeck, der durch soziale Demütigung, Ausbeutung als medizinisches Versuchsobjekt und psychischen Verfall in den Wahnsinn getrieben wird und am Ende seine Geliebte Marie ersticht. Die Musik wurde von UMS’nJIP komponiert, das Libretto stammt von JIP (Javier Hagen). Der Regisseur Wolfgang Beuschel begleitete die Produktion als Oeil extérieur.

UMS’nJIPs Woyzeck läßt sich als ein medienübergreifendes Experiment zusammenfassen – ein ästhetischer Spagat, der die Grenzen zwischen klassischem Theater, Neuer Musik und Klubkultur verwischt. Es übersetzt Büchners düstere Sozialstudie in ein hochmodernes elektronisches Fiebertraumerlebnis.

Keine Fotobeschreibung verfügbar.
Die Musik zeichnet sich durch einen bewußten Kontrast zweier Welten aus, die Woyzecks inneren Zustand und seine Zerrissenheit spiegeln:
1. Elektropop der achtziger Jahre
Das Duo greift auf die treibenden Rhythmen und die klangliche Ästhetik des Synthie-Pops der achtziger Jahre zurück. Das Mechanische dieser Rhythmen unterstreicht die Ausweglosigkeit und das Getriebensein der Figuren.
2. Zeitgenössische Avantgarde
Dem gegenüber stehen filigrane und komplexe klangliche Zersetzungsprozesse. Extreme vokale und instrumentale Spieltechniken sowie eine eindringliche Live-Elektronik machen die psychischen Abgründe, Halluzinationen und Wahnvorstellungen Woyzecks beklemmend hör- und fühlbar. Die Inszenierung bewegt sich fließend zwischen einem lebenden Bild, einer szenischen Klanginstallation und freiem Avantgarde-Musiktheater. UMS’nJIP stehen selbst als Darsteller auf der Bühne. Sie teilen sich alle Rollen, Stimmen und Instrumente auf. Woyzeck wird hier nicht im klassischen Kulissentheater gezeigt, sondern als Opfer patriarchalischer und gesellschaftlicher Machtstrukturen abstrakt in einen Klangraum projiziert.

UMS’nJIP und die Oper
Eigentlich bietet es sich ganz natürlich an: Der Anblick des Duos, entfernt an exzentrische Pop-Duos wie Eurythmics oder The White Stripes erinnernd, ist an sich ein theatralisches Bekenntnis. Die Frau: blond, hochgeschossen und sphinxartig. Ihr Instrument – eine Schulflöte? Der Mann: untersetzt, eine vokale Wundertüte und auf der Bühne ein wildgewordenes Jo-Jo.
Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist: Blockflöten und Stimme sind ebenso leicht wie beweglich einsetzbar, das heißt, sie sind ohne weiteres szenisch verwendbar. Und mit der räumlichen Erweiterung durch die Elektronik ist bei UMS’nJIP auch ein akustischer Bühnenraum gegeben, der nicht mehr durch die örtliche Konstellation der beiden live Spielenden begrenzt ist. Im Gegenteil: Sie bewegen sich nun in einer gestalteten und gestaltbaren Klanglandschaft.

Seit jeher ist bei den Bühnenarbeiten von UMS’nJIP die Popästhetik ein wichtiges Stilelement – sie prägten ab Ende der 2000er-Jahre gar den Begriff der Elektropop-Oper avant la lettre. UMS’nJIP vereinen auf unverwechselbare Weise komponiertes Avantgarde-Musiktheater westlicher Prägung mit einer selbstverständlichen Verbindung von Pop und Elektronik, die nicht nur verblüfft, sondern durchaus auch unterhält. Karl-Heinz Stockhausen und Kraftwerk reichen sich bei ihnen sozusagen die Klinke. Und nicht zuletzt erlauben die konsequent umgesetzten Taschenformate selbst bei multi- und intermedialen Arbeiten Aufführungen an exotischen und infrastrukturschwachen Spielstätten, damit diese Kunstform nicht nur urbanen Zentren vorbehalten bleiben muß, sondern auch darüber hinaus eine künstlerisch gültige Wirklichkeit sein kann.
Mehr zu UMS’nJIPs Woyzeck erfährt man hier: http://umsnjip.ch/program-woyzeck.htm

Walliser Volkslieder in neuen Bearbeitungen
Hinter dem Titel flksngs_e YDLZüüG steckt ein außergewöhnliches Musikprogramm des Walliser Neue-Musik-Duos UMS’nJIP: Das Ensemble bearbeitet, arrangiert und kontextualisiert traditionelle Walliser Volkslieder neu. Die beiden Musiker greifen dabei auf alte, teils vergessene Volkslieder aus den verschiedenen Tälern des deutschsprachigen Oberwallis und dem benachbarten Pomatt (Val Formazza) zurück und betten sie in elektronische Klanglandschaften ein. Heile-Welt-Nostalgie ist hier aber nicht zu erleben. Vielmehr erwarten die Hörer asymmetrische Rhythmen, überraschende harmonische Wendungen und erdige Bearbeitungen in den ältesten alemannischen Mundarten. Die Lieder werden humorvoll, zart und gleichzeitig nachdenklich wie zeitkritisch in die heutige Zeit übertragen.

Alpine Digitalfolklore
flksngs_e YDLZüüG ist vielmehr ein Experiment an der Schnittstelle von lokaler Identität und europäischer Avantgarde. UMS’nJIPs messerscharfe Methoden zur Zerlegung heimischer Musik ließen sich, etwas zugespitzt, auch als alpine Netzvolksmusik beschreiben. Keine glatten Studioklänge, sondern Musik, die zugleich rau, organisch und atmosphärisch ist. Auch wenn die musikalischen Vorlagen radikal aufgebrochen werden, bewahren die letztlich respektvollen Bearbeitungen eine bemerkenswerte und berührende Ursprünglichkeit.

Die schweizerische und internationale Avantgarde der Digitalen Volksmusik (Cyber folk)
In der Schweiz gibt es seit den 1990er-Jahren eine starke Bewegung zeitgenössischer Prägung in der Volksmusik, die das Jodeln und traditionelle Melodien beispielsweise mit Jazz, Rock oder Weltmusik kreuzt. Bekannte Vertreterinnen und Vertreter hierzulande sind unter anderem Erika Stucky und Nadja Räss.
UMS’nJIP gehen einen ganz anderen Weg. Sie betreiben eine ästhetische Zerlegung mit den Mitteln der zeitgenössischen klassischen Musik. Als klassisch ausgebildete Komponisten und Klanggestalter verfeinern sie ihre eigenen musikalischen Wurzeln elegant, mit leiser Ironie und akademischer Präzision.
Das Mischgenre von UMS’nJIP hat aber auch internationale Entsprechungen. Alle holen sie lokale beziehungsweise indigene Gesangstraditionen in verschiedenster Form in die Gegenwart. In Europa sei unter anderem auf die folgenden Namen verwiesen: Mari Boine, Gjendöd, Sissel Vera Pettersen, Wimme Saari & Rinne Radio und Kenneth Lien & Centre of the Universe aus dem skandinavischen Raum oder Go_A und Laboratorium Pieśni aus Osteuropa.
Radikale Internetvolksmusik, sogenannter “Cyber-Folk”, erlebt aber auch in Afrika, den islamisch geprägten Kulturräumen und in Ostasien einen Aufschwung: Hier seien Musikrichtungen wie Ethiopiyawi Electronic (Lulu, Mikael Seifu), Gnawa-Elektronik-Fusion (Simo Lagnawi) oder Kollektive wie Nyege Nyege aus Ostafrika, Acid Arab aus Algerien, Tzusing aus China und Taiwan, Otyken aus Sibirien oder die tunesische Solokünstlerin Deena Abdelwahed erwähnt.
Mehr zu flksngs_e YDLZüüG erfährt man hier: http://umsnjip.ch/program-folksongs-electrified-jodelzueueg.htm

Walliser Volkslieder lernen und zu Hause in der Familie singen – das begleitende Mitmachprojekt
Parallel zu ihren Volksliedbearbeitungen haben UMS’nJIP ab dem ersten Corona-Lockdown 2020 das gemeinnützige Projekt Volchsliädär leeru und schi deheimu in er Famili singu ins Leben gerufen. Auf einer eigenen Plattform stellen sie praktische Online-Lernhilfen für Volkslieder im walliserdeutschen Dialekt zur Verfügung, um das Singen traditioneller Lieder in Familien und Schulen wiederzubeleben. Alle Lieder sind dort in der Originalfassung zu finden. Diese Lernhilfen sind unter folgendem Link abrufbar: https://umsnjip.ch/volkslieder.htm
(pd, rm)


