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Spotify sagt dir, welche Musik du hörst – aber nicht weshalb
Die neue Ökonomie des KlicksSpotify sagt dir, welche Musik du hörst – aber nicht weshalb

Die neue Ökonomie des Klicks

Spotify sagt dir, welche Musik du hörst – aber nicht weshalb
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Eine Kolumne von Yannick Ziehli

Die Musik selbst ist nicht ärmer geworden, aber der Mainstream hat das Verhältnis zu ihr verändert. Längere, vielschichtige Songs sind aus der Mitte an den Rand gerutscht.

Nicht, weil es sie nicht mehr gäbe, sondern weil sich Hörer, Plattformen und Musiker gegenseitig in eine Kurzformatökonomie hineingesteigert haben. Passt sich die Musik den Hörgewohnheiten an, oder haben sich die Hörgewohnheiten der Musikindustrie angepasst?

Die Hörer sind nicht unschuldig, aber sie sind auch nicht die souveränen Regisseure ihres Konsums, sondern einem System aus Algorithmen und Plattformlogik ausgesetzt. Um die 2000er Jahre beginnt sich etwas zu verschieben.

Mit dem Aufkommen des MP3-Formats wurde das Album als geschlossene Form verdrängt.

Plötzlich war es mühelos möglich, aus einzelnen Stücken persönliche Sammlungen zu basteln. Die „eigene Playlist“ trat an die Stelle der Dramaturgie eines Albums, und dessen Essenz verlor an Gewicht. Und mit ihr verlor auch der einzelne Song etwas von seinem inneren Zusammenhang, weil er zunehmend als isolierte Einheit gedacht wurde.

Heute werden viele Menschen ungeduldig, wenn eine Botschaft nicht in den ersten dreissig Sekunden übermittelt ist. Reels und Shorts haben diese Verschiebung weiter beschleunigt. In dieser Logik wirken Stücke wie Roundabout von Yes, Bohemian Rhapsody von Queen oder Salisbury von Uriah Heep wie Zumutungen.

In diese Welt hinein publiziert Spotify alljährlich sein „Wrapped“. 2025 ist Bad Bunny der meistgestreamte Künstler der Plattform, Taylor Swift folgt knapp dahinter.

Die Liste der beliebtesten Songs wird von hochgradig radiotauglichen, hookgetriebenen Stücken angeführt, die sich schon vorher mit Rekorden auf Streamingplattformen hervorgetan haben. Stilistisch bewegt sich vieles in einem engen Feld von kurzen, repetitiven Songs, gebaut, um möglichst oft wiederholt zu werden.

Das alles ist kein Beweis für schlechte Musik, denn Geschmäcker sind verschieden. Dennoch ist es ernüchternd festzustellen, wie sich der Mainstream von harmonischer und formaler Kühnheit weitgehend verabschiedet hat. Was ist passiert? Haben die Musiker aufgehört, anspruchsvolle Musik zu machen? Oder haben die Hörer ihren Willen durchgesetzt und verlangen einfach nichts anderes mehr?

Die neue Ökonomie des Klicks

Musikerinnen und Musiker sind heute in ein System eingebettet, das ihre Entscheidungen stark rahmt. Streamingdienste bezahlen nach Anzahl Streams. Nicht nach Mut, nicht nach Harmonie.

Ein langer Song, der selten komplett gehört wird, bringt weniger ein als drei kürzere, die in Playlists rotieren. Algorithmen bevorzugen Stücke, die früh einen markanten Moment bieten, damit der Hörer nicht weiterskippt. Kurz gefasst: Die Ökonomie des Klicks erzeugt eine neue Ökonomie der Form.

Die Hörer sind darin weder Täter noch Opfer. Ihre Aufmerksamkeit wurde über Jahre auf kurze Reize trainiert. Wer von Plattform zu Plattform springt, gewöhnt sich an die Vorstellung, jederzeit etwas vermeintlich Besseres finden zu können. Längere Formen, die ihre Genialität und Geheimnisse erst nach und nach entfalten, wirken in diesem Umfeld aus einer anderen Zeit.

Und trotzdem wäre es falsch, die Gegenwart als Verlustgeschichte zu erzählen. Die anspruchsvolle Musik existiert weiter. Sie hat nur ihre Lage verändert. Sie lebt in Nischen und sie ist erstaunlich vital.

Künstler wie Jacob Collier, Jesús Molina, Hiromi Uehara oder Matteo Mancuso veröffentlichen heute mit einer Leichtigkeit, die früher unmöglich war.

Komplexe Musik lebt weiter – nur anderswo

Die Musik ist also nicht verschwunden. Sie hat aber ihre Tektonik verändert. Der Mainstream ist kurzlebiger geworden. Und die hymnischen Songs und die auskomponierten Harmonien leben weiter, aber in einem anderen Ökosystem. F

ür die „komplizierten Konsumenten“ gibt es jedenfalls Hoffnung, die zugleich eine Herausforderung ist. Wer mehr hören will als einen Loop aus Hook und Drop, muss bereit sein, sich selbst ein wenig aus dem Strom der Vorschläge zu lösen. Man muss suchen, sich verführen lassen, sich langweilen dürfen.

1980 sangen The Buggles “Video Killed the Radio Star”. Rückblickend war das nicht bloss ein prophetischer Satz über das Radio, sondern ein Hinweis darauf, dass jede neue Technologie die Art verändert, wie Musik gedacht, gemacht und gehört wird.

(pd, rm)

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