Allianzverfahren beim Grimseltunnel: Gemeinsam planen, Risiken teilen, Kosten senkenDas Großprojekt Grimselbahn geht bei Planung und Vergabe neue Wege
Die Initiatoren der Grimselbahn sprechen davon, daß die Bewerber um den Auftrag nicht nur über den Preis ihre Offerten einreichen sollen und trotzdem zeichneten sich Kostensenkungen ab. Das Großprojekt Grimselbahn geht bei Planung und Vergabe neue Wege. Nach mehr als einem halben Jahr Dialog mit 3 Anbietergruppen liegen erste Erfahrungen mit dem Allianzmodell vor. Sie zeigen: Die frühe Zusammenarbeit hat bereits technische Optimierungen ermöglicht – und eröffnet ein erhebliches Potential für tiefere Kosten.
Der Grimseltunnel ist ein außergewöhnliches Infrastrukturprojekt. Die geplante Verbindung soll nicht nur dem Bahnverkehr dienen, sondern zugleich Energieinfrastruktur aufnehmen. Für ein derart technisch und organisatorisch anspruchsvolles Vorhaben hat die Grimselbahn AG im Frühjahr 2025 einen neuen Weg eingeschlagen: Planung und Realisierung sollen nach dem Modell einer Projektallianz gemäß SIA-Merkblatt 2065 vorbereitet werden.
Anders als bei klassischen Bauprojekten arbeiten Bauherrschaft, Planer, Bauunternehmen und weitere Spezialisten dabei nicht nacheinander, sondern von Beginn an gemeinsam.
Die wesentlichen Realisierungspartner werden in einen Mehrparteienvertrag eingebunden. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, Risiken geteilt und die Kosten nach dem Prinzip “Offenes Buch” transparent gemacht. Die Vergütung ist zudem an den gemeinsamen Projekterfolg gekoppelt.
3 Bau-Allianz-Gruppen, ein gemeinsamer Entwicklungsprozeß
Nach der Präqualifikation wurden drei Realisierungsteams für den Dialog ausgewählt: Frutiger/Gasser/Rhomberg/IUB, Walo/BEMO/IGT sowie Marti/ILF/WSP/Rubi.
Die Gruppen erhielten nicht einfach eine fertige Planung, auf deren Grundlage sie einen Preis abgeben mussten. Vielmehr analysierten sie das Projekt selbst, entwickelten ihre jeweiligen Lösungen weiter und erarbeiteten ein optimiertes Vorprojekt. Daraus leiteten sie verbindliche Zielkosten ab.
Der Dialog endete Ende März 2026. Am 4. Mai gingen die verbindlichen Angebote ein. Nach deren Evaluation erteilte die Grimselbahn AG am 14. Juli den Zuschlag. Anfang August wurde gegen die Vergabe Beschwerde eingereicht.
Zielkosten statt Nachträge
Ein zentrales Element des Allianzmodells sind die Zielkosten. Sie umfassen die Kosten für die Erstellung des Bauwerks sowie allgemeine Geschäftskosten und Gewinn. Die Projektpartner werden für ihre tatsächlich erbrachten Leistungen entschädigt. Gleichzeitig ist ihre Vergütung an den Erfolg des Gesamtprojekts gekoppelt.
Damit entsteht ein gemeinsamer Anreiz: Wird das Projekt günstiger als die vereinbarten Zielkosten realisiert, profitieren die Beteiligten. Umgekehrt werden Mehrkosten nach dem vereinbarten Modell mitgetragen.
Klassische Nachträge und “claims” sind grundsätzlich nicht vorgesehen. Änderungen der Zielkosten sind nur in klar definierten Ausnahmefällen möglich – etwa wenn sich Anforderungen ändern, neue gesetzliche Vorgaben hinzukommen oder außerordentliche Grossrisiken eintreten.
Wettbewerb um die beste Gesamtlösung
Der Wettbewerb zwischen den 3 Gruppen fand deshalb nicht ausschließlich über den Preis statt. Entscheidend waren auch technische und wirtschaftliche Aspekte der jeweiligen Gesamtlösung.
Während des Dialogs beschäftigten sich die Gruppen unter anderem intensiv mit Baulogistik, Vortrieb, Tunnelkonzept und weiteren technischen Fragestellungen. Dadurch floß das Wissen der späteren Realisierungspartner bereits in einer frühen Projektphase ein.
Gerade darin sieht die Grimselbahn AG einen wesentlichen Vorteil des Verfahrens. Lösungen können gemeinsam entwickelt, früh auf ihre technische und wirtschaftliche Machbarkeit geprüft und bei Bedarf optimiert werden.
Grimselbahn-Initiatoren: Kostensenkung zeichnet sich ab
Besonders deutlich zeigt sich der Effekt bei den Kosten. Die bisherige Kostenschätzung für die kombinierte Infrastruktur lag bei rund 800 Millionen Franken – vor Abzug des Beitrags von Swissgrid.
Das Angebot des Zuschlagsempfängers weist für die Allianzleistungen rund 510 Millionen Franken aus. Einschliesslich der Leistungen auf Seiten der Bauherrschaft ergibt sich für Bau und Bahn derzeit eine Größenordnung von rund 650 Millionen Franken, ebenfalls vor Abzug des Swissgrid-Beitrags.
Als Gründe für die tieferen Kosten werden mehrere Faktoren genannt: effizientere technische Lösungen, zahlreiche Optimierungen durch die Anbietergruppen, Vorteile des Zwei-Stollen-Konzepts bei der Baulogistik sowie günstige geologische Bedingungen im Granit und vergleichsweise wenig Bergwasser.
Damit zeigt sich bereits in der Planungsphase ein erhebliches Einsparpotenzial gegenüber der ursprünglichen Kostenschätzung.
Risiken werden gemeinsam getragen
Eine besondere Bedeutung hat das Modell beim Umgang mit den Risiken. Gerade beim Tunnelbau können unerwartete geologische Verhältnisse erhebliche Auswirkungen auf Kosten und Termine haben.
Im Allianzmodell sollen solche Risiken nicht möglichst früh einem einzelnen Vertragspartner zugewiesen werden. Stattdessen werden sie innerhalb der Allianz gemeinsam bewirtschaftet. Entsteht ein Problem, haben die Beteiligten einen gemeinsamen Anreiz, möglichst rasch eine technisch sinnvolle und wirtschaftliche Lösung zu finden.
Das verändert auch die Zusammenarbeit. Statt Einzelinteressen steht das gemeinsame Projektziel im Vordergrund – nach dem Prinzip “Das Beste für das Projekt”.
Mehr Kostensicherheit, aber kein Selbstläufer
Das Allianzmodell kann Kosten- und Terminrisiken nicht vollständig beseitigen. Eine zentrale Aufgabe der Bauherrschaft bleibt deshalb die sorgfältige Prüfung der Zielkosten.
Dabei gilt es, zwei Gefahren zu vermeiden: Einerseits dürfen die Kostenpositionen keine versteckten Reserven enthalten. Andererseits dürfen die Annahmen auch nicht unrealistisch tief angesetzt werden. Zu knapp kalkulierte Zielkosten könnten die Umsetzung ebenso gefährden wie überhöhte Ansätze.
Die bisherigen Erfahrungen liefern damit vor allem eines: einen ersten praktischen Beleg dafür, dass die frühzeitige Zusammenarbeit von Bauherrschaft, Planern und Unternehmern konkrete Verbesserungen hervorbringen kann.
Ein neues Modell für ein großes Infrastrukturprojekt
Nach mehr als einem halben Jahr Dialog fällt das erste Fazit der Grimselbahn AG positiv aus. Technisches Know-how wurde früh in die Projektentwicklung eingebracht, Lösungen konnten gemeinsam optimiert und die Grundlagen für tiefere Realisierungskosten geschaffen werden.
Der Grimseltunnel ist damit nicht nur wegen der Kombination von Bahn- und Energieinfrastruktur ein besonderes Projekt. Auch bei der Planung und Realisierung geht die Grimselbahn neue Wege.
Ob sich die erwarteten Vorteile des Allianzmodells letztlich auch während der Bauausführung bestätigen, wird sich allerdings erst in den kommenden Projektphasen zeigen. Der bisherige Prozeß liefert dafür eine wichtige Grundlage: Bei komplexen Infrastrukturvorhaben kann ein früher, gemeinsamer Entwicklungsprozeß nicht nur die Zusammenarbeit verändern, sondern bereits vor dem eigentlichen Baubeginn technische und wirtschaftliche Verbesserungen ermöglichen.
(pd, rm)



