Eisgrotte am RhonegletscherDer Gletscher schmilzt, die Blachen bleiben
Von Yannick Ziehli
Seit rund 150 Jahren wird am Rhonegletscher eine Eisgrotte in das blaue Eis geschlagen. Inzwischen hat sich der Gletscher weit zurückgezogen, während ein isolierter Eisrest unter Kunststoffvliesen konserviert wird. Eine Petition mit 10’066 Unterschriften fordert das Ende der Anlage und die Sanierung des Geländes.
Wer regelmässig in den Alpen unterwegs ist, erlebt den Klimawandel kaum noch als abstrakte Kurve. Wo vor wenigen Jahren noch Eis lag, tritt nackter Fels hervor. Gletscher ziehen sich zurück und hinterlassen Landschaften, die innerhalb eines Menschenlebens ein neues Gesicht erhalten.
Am Rhonegletscher hat dieser Wandel eine eigentümliche Form angenommen. Während die eigentliche Gletscherzunge immer weiter zurückweicht, wird unter weissen Kunststoffvliesen ein Rest Eis erhalten, damit eine touristische Grotte weiterbestehen kann.
Seit ungefähr 1870 wird am Rhonegletscher fast jedes Jahr eine neue Höhle in das Eis geschlagen. Die Idee hatte ihren Reiz. Menschen, die niemals eine Hochtour unternehmen würden, konnten das Innere eines Gletschers und somit eine Welt betreten, die ihnen sonst verschlossen geblieben wäre. Die Eisgrotte liegt auf knapp 2300 Metern und gehört zu den ältesten touristischen Attraktionen dieser Art in den Alpen.
Doch die Voraussetzungen haben sich verändert. In den vergangenen Jahrzehnten entstand unterhalb der zurückweichenden Gletscherzunge ein immer grösserer See. Der Betreiber selbst spricht davon, dass die Eisgrotte beinahe jedes Jahr neu angelegt werden musste. Der an der Gletscherzunge entstandene See ist mittlerweile so gross wie mehrere Fussballfelder.
Aus einer Grotte im Gletscher wurde allmählich ein Gletscherrest um eine Grotte.
Damit das verbliebene Eis den Sommer übersteht, wird es mit Vliestüchern abgedeckt, denn unter dem Material schmilzt das Eis langsamer. Der Gletscher als Ganzes lässt sich damit freilich kaum beeindrucken. Er hat sich längst von jenem Eis gelöst, das für die touristische Nutzung konserviert wird.

Ich war diesen Sommer selbst am Rhonegletscher. Der Anblick rund um die Eisgrotte hatte wenig von jener erhabenen Gletscherwelt, welche die Werbung verspricht. Zwischen Fels, Sand und Geröll lagen zerrissene Blachen und Materialreste. Aufnahmen vom Juni 2026 dokumentieren ein Geflecht aus älteren und neueren Abdeckungen sowie einzelne Stücke, die frei zwischen Steinen und Sand liegen. Nach Brigitte Wolfs Darstellung besitzt das konservierte Eis inzwischen keine Verbindung mehr zum eigentlichen Gletscher.
Wolf ist Biologin, Vertreterin der Grünen und Initiantin der Petition «Befreien und schützen wir den Rhonegletscher!». Unterstützt wird sie von diversen Umweltschutzorganisationen sowie der Oberwalliser Gruppe Umwelt und Verkehr. Am Dienstag wurden Staatsrat Franz Ruppen 10’066 Unterschriften übergeben. Die Petition verlangt das Ende der Eisgrotte, die vollständige Entfernung der Blachen und Baumaterialien, einen freien Zugang zum Gletscher sowie einen wissenschaftlich abgestützten Umgang mit den neu entstehenden Lebensräumen. Wolf schlägt vor, die bisherige Attraktion beispielsweise durch einen Themenweg zu ersetzen, der vom Abschmelzen der Gletscher und von der Klimaerwärmung erzählt.
Man muss Wolfs politische Sprache nicht vollständig übernehmen, um den Kern ihrer Kritik zu verstehen. Sie spricht von einem Umweltskandal und einem illegalen Zustand. Die amtlichen Unterlagen verleihen diesen Worten mehr Gewicht, als dem Kanton lieb sein dürfte.
Die Kantonale Baukommission bestätigte bereits in einer Antwort des Staatsrats aus dem Jahr 2024, dass für den Bau der Grotte und für die Abdeckung des Rhonegletschers mit Blachen keine Baubewilligung erteilt worden war. Auch wegen eines neuen Betriebstunnels und neu ausgelegter Blachen wurde ein baupolizeiliches Verfahren eröffnet.

Bereits im September 2022 hatte die kantonale Dienststelle für Umwelt ein Verwaltungsverfahren eingeleitet. Der Betreiber wurde aufgefordert, Blachen aus dem Gletschersee zu entfernen. Dasselbe galt für Material, das in den See zu gelangen drohte, sowie für Abdeckungen auf Eis und Felsen, die keinen Nutzen mehr hatten. Der Kanton erklärte später, diese Massnahmen seien fristgerecht umgesetzt worden. Eine weitere Anordnung betraf die im Sommer 2023 noch verwendeten Blachen.
Sie sollten im Jahr 2024 entfernt werden, sobald die Grotte nicht mehr genutzt werde.
Zwei Jahre später liegt weiterhin reichlich Material im Gelände. Der Kanton schreibt heute, das laufende baupolizeiliche Verfahren sehe die «Wiederherstellung des ursprünglichen Standorts» vor.
Dieses Verfahren werde auch über die künftige touristische Nutzung des Gebiets entscheiden. Gegen die getroffenen Entscheide ist allerdings eine Beschwerde beim Staatsrat hängig. Franz Ruppen äussert sich deshalb vorerst kaum weiter.
Auch der Betreiber lehnte eine inhaltliche Stellungnahme mit Hinweis auf das laufende Verfahren ab. Auf seiner Internetseite stellt der Betreiber die Abdeckungen als notwendige Massnahme zum Erhalt des Eises dar. Im Sommer 2025 seien mehrere Tonnen Material entfernt und fachgerecht entsorgt worden. Zugleich wird die Eisgrotte weiterhin als touristisches Erlebnis beworben.
Diese Angaben lösen den Widerspruch allerdings kaum auf. Gerade deshalb wäre eine offene Auskunft wichtig gewesen. Schweigen mag während eines Verfahrens juristisch nachvollziehbar sein. Für das Vertrauen der Öffentlichkeit leistet es wenig.
Auch bei den ökologischen Folgen braucht es Präzision. Wolf warnt davor, dass das Polypropylen verwittert und Kunststoffpartikel über den See in die junge Rhone gelangen. Standortbezogene Wasserproben oder Messungen liegen bislang keine vor. Das Ausmass einer möglichen Belastung bleibt daher offen.
Amtlich dokumentiert ist hingegen, dass Blachen im Gletschersee lagen und weitere hineinzugelangen drohten. Sichtbar ist zudem, wie Material im Hochgebirge altert, reisst und sich zwischen Geröll verteilt. Für Kritik reicht dieser Befund bereits aus. Man braucht keine zugespitzte Schadstoffthese, um zu erkennen, dass Kunststoffreste an der Quelle der Rhone fehl am Platz sind.
Der Rhonegletscher mit seinem Vorgelände gehört zum Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung. Der Bund nennt ausdrücklich die Quelle der Rhone, die natürliche Dynamik des Gletschervorfelds und dessen Bedeutung für die Gletscher- und Klimaforschung. Zu den Schutzzielen gehört, das neu freigegebene Gelände sowie seine Gewässer in einem natürlichen Zustand zu erhalten.
Tourismus gehört seit langer Zeit zu dieser Landschaft. Das historische Hotel Belvédère und die Furkapassstrasse sind Teil ihrer Geschichte. Tradition verleiht einer Nutzung kulturellen Wert. Sie ersetzt jedoch keine Bewilligung und entbindet nicht von der Verantwortung für seine Hinterlassenschaften.
Als Bergsteiger verstehe ich die Anziehungskraft der Eisgrotte. Wer einmal in blauem Eis gestanden hat, vergisst diesen Eindruck kaum. Gerade diese Faszination verlangt einen sorgsamen Umgang mit dem Ort.
Wie die Beschwerde und das baupolizeiliche Verfahren ausgehen, bleibt abzuwarten. Am Rückzug des Rhonegletschers werden sie wenig ändern. Das Eis könnte schneller verschwinden, als Behörden und Parteien ihre Zuständigkeiten geklärt haben. Die Verantwortung für das zurückgelassene Material darf dasselbe Schicksal nicht erleiden.
(Bild ganz oben: Brigitte Wolf)
