Fliegendes Auto von TeslaWie weit reicht der Horizont?
Eine Kolumne von Yannick Ziehli
Ein Tesla fährt eine Rampe hinauf, dreht sich in der Luft und landet wieder auf seinen Rädern. Die jüngste Vorführung des Roadsters bietet reichlich Stoff zum Staunen. Und für die naheliegende Frage, wozu das alles gut sein soll. Ein teures Spielzeug? Ein Marketing-Streich? Gewiss. Doch genau da zeigt sich auch eine Eigenschaft, von der wir mehr gebrauchen könnten. Die Bereitschaft, einer ungewöhnlichen Idee so lange nachzugehen, bis sie Gestalt annimmt.
Der unmittelbare Nutzen solcher Versuche bleibt Sujet von Spekulationen. Zwischen einem spektakulären Luftmanöver und einem alltagstauglichen Flugauto liegen Welten. Dennoch kann auch eine technische Spielerei Erkenntnisse hervorbringen, deren spätere Anwendung heute kaum abzusehen ist. Wer schon beim ersten Versuch einen fertigen Verwendungszweck verlangt, zieht der Forschung einen engen Rahmen.
Innovation verlangt Mut
Als Christoph Kolumbus am 3. August 1492 in See stach, wollte er Asien auf westlichem Weg erreichen. Gestritten wurde damals insbesondere über die Entfernung. Kolumbus hielt den Weg für wesentlich kürzer, als er tatsächlich war. Seine Zuversicht beruhte also auf einem Irrtum.
Im Oktober erreichte er die Bahamas und damit eine für Europa weitgehend unbekannte Welt. Die Geschichte eignet sich deshalb nur bedingt als Heldenerzählung vom Einzelnen, der einer verblendeten Mehrheit die Wahrheit beweist. Eine falsche Vorstellung kann aber einen Menschen zu einer Unternehmung bewegen, deren Ergebnis den ursprünglichen Plan weit übersteigt. Mut und Irrtum liegen mitunter erstaunlich nahe beieinander. Die Folgen einer solchen Grenzüberschreitung verlangen allerdings ihr eigenes Urteil.
Auch Elon Musk setzt auf Vorhaben, deren Ausgang offen ist. Als eBay 2002 PayPal übernahm, erhielt er für seine Beteiligung rund 176 Millionen Dollar. Mit 31 Jahren hätte er sich ein ausgesprochen bequemes Leben einrichten können. Stattdessen setzte er erhebliche Teile seines Vermögens für neue Unternehmen aufs Spiel.
Daraus entstand unter anderem SpaceX. Hinter dessen Leistungen stehen Tausende Fachleute und bedeutende öffentliche Aufträge. Bereits 2008 vergab die NASA einen Vertrag über 1,6 Milliarden Dollar für Versorgungsflüge zur Internationalen Raumstation. Unternehmerischer Wagemut und staatliche Unterstützung können einander produktiv ergänzen. Auch der Staat braucht den Mut, einer innovativen Unternehmung etwas zuzutrauen.
Die Grenzen des Gewohnten
Der Philosoph Michel Foucault beschäftigte sich mit der Frage, wie wir jene Grenzen prüfen können, die unser Denken und Handeln bestimmen. Er beschrieb unter anderem eine Haltung, die das historisch Gewordene untersucht und Möglichkeiten seiner Überschreitung erprobt.
Auf technische Innovation übertragen, regt dieser Gedanke zu einer einfachen Frage an: Wie viel von dem, was uns unverrückbar erscheint, verdankt seine Festigkeit unserer Gewöhnung? Ein Auto gehört auf die Strasse. Sobald es für einen Moment abhebt, gerät mit dem Fahrzeug auch eine Selbstverständlichkeit in Bewegung.
Ob daraus gesellschaftlicher Fortschritt entsteht, entscheidet sich an den Folgen. Die technische Machbarkeit eröffnet zunächst eine Möglichkeit. Über ihren Wert müssen wir weiterhin nachdenken. Solche Versuche aber erweitern unseren Handlungsspielraum und verlangen zugleich Urteilskraft.
Europa könnte sich von dieser Experimentierfreude anregen lassen. Beispielsweise die deutsche Automobilindustrie erlebt gerade, wie mühsam sich ein über Jahrzehnte begründeter Führungsanspruch in eine veränderte Welt übertragen lässt. Mit der Elektromobilität und der wachsenden Konkurrenz aus China werden vertraute Gewissheiten brüchig.
Politisch kommt eine schwierige Verständigung darüber hinzu, wie der Wandel gestaltet werden soll. Unternehmen brauchen verlässliche Bedingungen für Investitionen, während Regierungen zwischen Klimazielen und dem Erhalt industrieller Arbeitsplätze vermitteln müssen. Diese Auseinandersetzung gehört zur Demokratie. Sie sollte jedoch Entscheidungen ermöglichen, auf denen sich etwas aufbauen lässt. Wer Zukunft gestalten will, muss irgendwann einen Versuch wagen und dessen Ausgang aushalten.
Tesla vor GTA VI
Die Kommentare zum Tesla-Video bringen die Faszination auf eine andere Ebene. Einer lautet: «We got Flying car before GTA 6.» Wir haben ein fliegendes Auto vor dem lange erwarteten Videospiel. Dessen Veröffentlichung ist für November angekündigt. Der Witz trifft das Gefühl, dass die Wirklichkeit gelegentlich eine Abkürzung nimmt, während wir noch auf ihre nächste virtuelle Ausgabe warten.
Musks technische Ambitionen sind beeindruckend. Eine Zustimmung zu seinen politischen Ansichten muss daraus keineswegs folgen. Doch sollten wir uns dennoch vielmehr mit der Bereitschaft beschäftigen, einen erreichten Zustand wieder aufs Spiel zu setzen, obwohl man sich längst darin einrichten könnte.
Der Horizont bezeichnet lediglich die Grenze dessen, was wir von unserem gegenwärtigen Standort aus sehen können. Wer sich bewegt, verschiebt ihn.
Link zum Video: NEW TESLA ROADSTER – It Can Fly!!! (SpaceX Technology) – YouTube


