Klaus Stöhlker zur Kommunikation der Behörden bei der Katastrophe von Crans-MontanaMehr Freiheit, Sire. Das ist der Ernstfall.
Mehr Freiheit, Sire. Das ist der Ernstfall.
Von Klaus Stöhlker
Die Brandtragödie von Crans-Montana ist nach Ansicht der Herren von Sion kein Grund, sich in besonderem Masse zu engagieren. So war es in den ersten Tagen nach dem Silvester-Unglück.
Wenn das Volk tanzen will, dann soll es tanzen dürfen. Aber bitte auf eigene Rechnung und eigenes Risiko. Damit die Walliser Autoritäten zu behelligen, zumal die meisten noch in den Ferien waren, ist frech und daher nicht zu beachten.
Der Herr Gemeindepräsident von Crans-Montana ist es nicht gewohnt, dass aufdringliche Medienvertreter nicht lockerlassen. Den heimischen Medienleuten gewährt man eine gewisse Freiheit. Sie sind an die Halbfreiheit gewöhnt und wiehern höchstens als Zeichen der Unzufriedenheit. Dann geben sie weiter Ruhe.
Justiz, die in Sachen der hohen Herren rasch und entschlossen handelt? Was sind denn das für neue demokratische Methoden? Seit dem Ancien Régime hat es derlei nur in entfernten Landen gegeben, vielleicht im gottlosen Basel oder Zürich. Aber bitte, Sitten hat Tradition, ganz wie die Klosterherren auch. Diese haben sich verleiten lassen, sich vor dem Volk kurz zu zeigen und zu äussern; mehr soll nicht sein.
Jeder fromme Christ muss wissen, dass der Weinbau samt Händlern bis hin zu den Trinkern heilig ist. Da spielt es keine Rolle, ob vor oder nach Mitternacht.
Und ob der Hohe Rat zu Sion diesen Sitten zuhause oder in Korsika nachgeht, ist keine Angelegenheit für das Volk, das von schmutzigen Gedanken nicht lassen kann.
Vor internationalen Medien, die wir kaum kennen, haben wir uns stets geschützt. Es reicht, wenn unsere Fussball- und Eishockeymannschaften sich derlei medialen Verlustigungen hingeben. Brot und Spiele lieben wir Walliser sehr. Dort ist der wahre Ernst des Lebens zu finden.
Nun hoffen wir, dass die Ereignisse, die zu kleinen Störungen des normalen Lebens führten, bald wieder abklingen. Der Bund hat sich in seiner Weisheit bereit erklärt, die Kosten zur Behebung der Schäden, die einige hundert Millionen Franken ausmachen können, aus der Staatskasse zu begleichen.
Als höchste Walliser Amtsträger wissen wir die Gaben der Nachbarkantone sehr zu schätzen. Ist nicht geben seliger als nehmen?
Die Hohen Herren in Sitten wissen, dass Armut edelt und der Franken in den Taschen jener am besten klingt, die dort schon einige Scheine haben.
Hat jemand noch Fragen? Keine? Danke, meine Damen und Herren. Hier geht es ja zu wie bei der Generalversammlung der Walliser Kantonalbank, wo jeder Dank geschätzt und jede Frage als Fehler der Schöpfung gilt.
Gut, dann trauern wir jetzt ein wenig in der Öffentlichkeit und läuten die Glocken, aber bitte nicht lachen wie Bundesrat Jans, als er Crans-Montana besuchte.
Hierin sind die Hohen Herren zu Sitten mit dem Volk einig. Ernst und Schweigen geziemen sich in unserem Kantonsteil, denn Übermut tut keinem gut.
Katastrophe von Crans-Montana: Suche nach GerechtigkeitZwischen Aufklärung und Schuldsehnsucht

