Lilly Gebert, “Treffpunkt im Unendlichen” zum SommerlochWas ist, wenn der Sinn des Lebens darin besteht, seine Sinnlosigkeit zu akzeptieren?
Von Lilly Gebert
Ist die heutige Jugend endgültig der Sinnlosigkeit anheimgefallen? War das Gefühl von Sinnlosigkeit immer schon Ausdruck von Rebellion und damit von Lebendigkeit? Oder hat die «Generation Alpha» (geboren ab 2010) den Sinn des Lebens gerade dadurch entschlüsselt, seine Sinnlosigkeit zu «feiern»?
Was nämlich, wenn sich das, was eine «sinnorientierte» ältere Generation als Sinnverlust wahrnimmt, von innen ganz anders anfühlt? Nicht wie eine Weigerung, dem eigenen Leben einen Sinn verleihen zu sollen – sondern als beinahe «weise» Erkenntnis, dass das Lebensbejahendste, was du inmitten von Sinnlosigkeit tun kannst, nicht darin besteht, Widerstand gegen diese Sinnlosigkeit zu entwickeln, sondern sie als Teil dieser Welt anzunehmen?
Die Grundlage für diese Fragen bildete meine erste Lesung in Niederkleen am 1. Juli. Dort brachte eine Frau den Song «Burger Pommes» ins Spiel, dessen von ihr beschriebene Banalität, ähnlich wie «67» oder andere Trends, aktuell alle Schulkinder in ihren Bann ziehen solle, sodass sich ihr gesamtes Wirklichkeitserleben um kaum etwas anderes mehr drehe – während ich meinerseits versuchte, genau diesen Teil von «Wirklichkeit» möglichst von meiner eigenen fernzuhalten und diesen Song entsprechend bis heute nicht gehört habe. Wohlwissend – und in der Runde von mir auch angemerkt –, dass auch in meiner Kindheit und Jugend Dinge «gefeiert» wurden, vor denen meine Eltern nur den Kopf schüttelten und die auch ich nachträglich nur zum Davonlaufen finde. Ob es mir geschadet hat? Weiß ich nicht. Ob die heutige Jugend trotz – oder gerade wegen – aller Banalität irgendwann anfangen wird, Nietzsche, Heidegger oder Camus zu lesen? Ich weiß es nicht.
Denn zweifelsfrei tue auch ich mich mehr als schwer damit, TikTok-Trends, sinnentleerte Jugendlieder oder statisch eingeübte Tanzchoreografien nur ansatzweise als «gut» zu empfinden. Ich weiß und sehe, was Smartphones und Social Media mit den Gehirnen von Kindern und Jugendlichen anrichten, und befürworte entsprechende Altersgrenzen. Zu gerne würde ich sie alle von klein auf in Waldkindergärten schicken und allein von Menschen betreut wissen, denen Gerald Hüther in Mark und Bein übergegangen ist. Zu gerne würde ich mit dem «Wissen», das ich habe, genauso eingreifen und Dinge streichen, wie sie von anderswo den Menschen vorgesetzt werden.
Das Ding, das ich mit diesen Dingen nämlich habe, ist, dass ich um die Kurzlebigkeit der von ihnen anfänglich ausgehenden Freude weiß. Und sie folglich nicht länger als «Freude», geschweige denn als «lustig» oder «vorrübergehenden Trend» betrachten kann. Was diese Dinge nämlich tun – seien es Smartphones, die (sozialen) Medien oder jegliche Streaminganbieter –, ist: Sie stehlen dir deine Aufmerksamkeit. Sie rauben dir deine Präsenz. Dein Gefühl für dich selbst. Und damit deine Individualität. Du wirst zur Masse. Zum Produkt. Das weiterhin glaubt, selbstbestimmter Konsument zu sein. Obwohl Du längst selbst konsumiert wird. Du bist es es, der bezahlt. Nicht nur mit Geld, sondern, wie bei Michael Endes Momo, mit deiner Zeit. Deiner Entscheidungsfreiheit. Deinem Willen, dir und deinem Leben selbst noch einen Sinn zu verleihen.
Was in meinen Augen auch der Knackpunkt ist, wenn es darum geht, in Sachen «Sinnfindung» eingreifen zu wollen. Du kannst nicht nur niemanden zu seinem Glück zwingen – du kannst nicht einmal wissen, was für jemanden «Glück» bedeutet. Oder von welcher persönlichen Bedeutung überhaupt irgendetwas für ihn ist. Der Versuch, Menschen bestimmte Vorstellungen eines «guten», «sinnvollen» oder «gelungenen» Lebens vorzusetzen, ist und bleibt übergriffig. In dem Moment, in dem ich entscheide, womit ein anderer Mensch seine Zeit verbringen, woran er Freude haben oder worin er Sinn erkennen sollte, spreche ich ihm ein Stück weit die Fähigkeit ab, diese Antworten selbst zu finden. Ich erschwere und versperre ihm regelrecht die Möglichkeit, seinen eigenen Weg dorthin zu finden – einzig und allein, indem ich meine Schablone davon, wie Glück auszusehen hätte, auf ihn zu übertragen versuche. Täte ich dies, wäre ich nicht besser als jene Gesellschaftskonstrukteure, die unter dem Deckmantel der Freiheit dem Menschen genau diese entziehen.
Wer an die Freiheit – und mit ihr an einen Sinn im Leben – glaubt, so mein Zwischenfazit, muss mit der Allgegenwärtigkeit von Unfreiheit und Sinnlosigkeit in seiner Zeit zu leben lernen. Nicht indem er sie gutheißt, sondern indem er aufhört, ihre Abwesenheit zur Voraussetzung des eigenen sinnvollen und freien Lebens zu machen.

Wie jedoch lernt der Mensch, Sinn und Freiheit nicht erst dort finden zu wollen, wo Sinnlosigkeit und Unfreiheit verschwunden sind? Was sind stattdessen die Maßstäbe, nach denen der Mensch die Welt als sinnvoll oder sinnlos zu betrachten hat?
Vielleicht, so die leise Ahnung, gibt es keine. Vielleicht müsste der Mensch zunächst damit aufhören, Sinn als eine Eigenschaft der Welt zu behandeln, die diese ihm gefälligst bereitzustellen hat. Denn solange Sinn davon abhängt, dass die äußeren Verhältnisse gerecht, frei oder auch nur verständlich sind, bleibt das eigene Leben an diese Verhältnisse gekettet. Dann kann ich erst frei sein, wenn die Gesellschaft frei ist; erst sinnvoll leben, wenn die Welt Sinn ergibt; erst glücklich sein, wenn die Umstände stimmen.
Meines Erachtens braucht es genau diese Ent-Täuschung, um – mit Camus gesprochen – die Erkenntnis des Absurden nicht im Nihilismus münden zu lassen. Wenn die Welt mir keinen letzten Sinn garantiert, entsteht daraus nicht zwangsläufig weniger Freiheit. Was wegfällt, ist vielmehr die Instanz, die mir vorschreiben will, welchen Sinn mein Leben haben muss. Und sei diese auch nur mein auf Sinnhaftigkeit ausgerichteter Verstand.
Nur so hört Sinn auf, eine Voraussetzung des Lebens zu sein, und wird stattdessen zu etwas, das sich aus dem Leben heraus entwickelt. Aus einer Beziehung, einer Tätigkeit, einem Augenblick, einem Buch, einem Film oder dem absoluten Nichts. Für mich heißt, die Sinnlosigkeit zu akzeptieren nicht, alles für gleichgültig zu erklären und mich der Wahllosigkeit hinzugeben. Es heißt, nicht mehr zu verlangen, dass alles Bedeutung haben muss, damit ich es bejahen kann. Vielmehr birgt es eine andere Art des Gezwungenseins: In der Vergegenwärtigung der mich umgebenden Sinnlosigkeit muss ich regelrecht andere Ebenen meines Seins entdecken, will ich mich eines Tages nicht selbst als Teil dieser Sinnlosigkeit begreifen. Kurz: Die Sinnlosigkeit der Welt zu akzeptieren, schließt die eigene nicht automatisch mit ein – bedeutet nicht, sich selbst als sinnlos begreifen zu müssen.
Zweifelsfrei – das mit den Maßstäben ist so leicht gesagt, wie es für uns umzusetzen ist, nicht zu denken. Denn natürlich habe auch ich meine Maßstäbe. Natürlich halte auch ich manches für lebensbejahender als anderes und komme nicht umhin, zwischen dem zu unterscheiden, was mir Leben eher erschließt als verwehrt. Der Widerspruch lässt sich also nicht einfach auflösen: Weder möchte noch kann ich einem Menschen vorschreiben, worin er Sinn, Freude oder Glück zu finden hat, noch kann die Antwort darauf für mein Empfinden lauten, alles unterschiedslos für gleichwertig zu erklären. Ganz offensichtlich gibt es Unterschiede in der Intensität, Dauer und Nachhaltigkeit dessen, was wir als Sinn und Glück empfinden – und auch darin, inwieweit dieses Empfinden mit der Welt, die uns umgibt, im Einklang steht. Es fragt sich entsprechend nur, wie sich diese Unterschiede erkennen lassen, ohne aus ihnen direkt den nächsten Zwang abzuleiten?
Vielleicht gilt entsprechend zumindest für jene Konsumwelt, bestehend aus Smartphones, Tablets, Computern und Spielkonsolen, aber auch aus Shoppingmalls, Liefer- und Streamingdiensten und den unzähligen Verlockungen des Online-Shoppings, was auch Momo dem Grauen Herrn entgegnete, als dieser sie eines Tages im Amphitheater mit einer Puppe zu verführen versucht, deren Bedürfnis nach immer neuen Kleidern, neuen Dingen und neuen Erlebnissen scheinbar grenzenlos ist. Dieses «Geschenk» lehnt Momo schließlich mit der einfachen Begründung ab: «Man kann sie nicht liebhaben.»
Eine Beobachtung, die auch mich seit Jahren umtreibt – und zugleich immer wieder an die Ränder des «sozial Integrierbaren» geführt hat. Als ich beispielsweise während des Studiums noch mit einer guten Freundin zusammenwohnte, hatte diese eine Nintendo Switch, auf der sie mit gemeinsamen Freunden immer mal wieder Mario Kart spielte. Ein Spiel, das auch ich früher auf meinem GameCube oder anderen Konsolen gerne gespielt hatte – das ich mir zu dieser Zeit jedoch nicht mehr «erlaubte», weil ich es, verglichen mit den Büchern in meinem Zimmer, als sinnfrei erachtete. Ebenso selbst ausgegrenzt habe ich mich während meines Erasmus-Semesters in Santiago de Compostela. Was ich mir erhofft hatte, dort vorzufinden, waren junge Menschen mit Interesse am Austausch, an der Welt und daran, diese gemeinsam zu gestalten. Was ich stattdessen vorfand, waren Jugendliche, die scheinbar nichts weiter im Sinn hatten, als ein Semester in Bars und Clubs zu verbringen, in denen sie niemand kannte und sie sich entsprechend auch so verhalten konnten.
Mich hatte das damals dermaßen frustriert, dass ich meinen Auslandsaufenthalt nach drei Monaten abbrach (mehr dazu in diesem namentlich sehr passenden Text). Wobei ich mich rückblickend allerdings frage, was genau mich dazu getrieben hat. Entfremdung, Langeweile, Ekel … oder doch Neid? Was, wenn ich mich weniger an ihrer vermeintlichen Sinnlosigkeit störte als an der Tatsache, wie selbstverständlich sie sich in ihr zu bewegen schienen? Wenn es nicht ihre gelebte Sinnlosigkeit war, gegen die ich glaubte, mich zur Wehr setzen zu müssen, sondern mein eigener Widerstand dagegen, auch mal etwas «Sinnloses» tun zu können? Warum glaubte ich, immer irgendwo einen «Sinn» erkennen oder anbringen zu müssen? Warum fand ich zu jener Leichtigkeit, die andere zu umgeben schien, nur so schwer einen Zugang? Und warum tue ich mich bis heute mit so vielem, was in dieser Welt vermeintlich «Spaß» bereiten soll, so schwer – obwohl mir die Sinnlosigkeit selbst längst nicht mehr derart bedrohlich erscheint? Warum denke ich stattdessen noch immer in einem vielleicht ebenso ungesunden Maß über den Sinn nach, den es abseits jener breitgetrampelten Pfade nicht doch irgendwo zu finden gibt?

Gesund – ungesund: Ich glaube, für wen was am Ende zutrifft, ist abermals eine Bewusstseinsfrage – und eine Frage danach, ob das gelebte Leben dem eigenen Bewusstsein überhaupt noch entspricht. Es gibt, so böse das klingen mag, schlichtweg Menschen, die glücklich damit sind, jedes ihrer Wochenenden Bratwurst und Softeis essend im Freizeitpark zu verbringen. Und die genau dadurch, dass für sie persönlich gar kein anderes Leben infrage kommt, an diesem Lebensentwurf auch nicht erkranken. Höchstens verblöden.
Auf der anderen Seite wiederum gibt es die, die schon beim Anstehen an der Supermarktkasse eine Krise bekommen. Für die es sich nicht normal anfühlt, irgendwo «abgefrühstückt» werden zu sollen; sich einzureihen, aufzurücken, dranzukommen und wieder Platz für den Nächsten zu machen. Und die entsprechend krank davon werden würden, verbrächten sie auch noch ihre Freizeit in Staus, Schlangen oder Warteschleifen. Selbst dort beschleicht sie noch das Gefühl, auf etwas zu warten, das mit Leben nur noch wenig zu tun hat.
Womit wir zum finalen Fazit meiner Sommer-Sinn-Erörterung kommen: Sinn, das merke ich persönlich immer und immer wieder, hat für mich alles, was noch mit dem Leben zu tun hat. Ausnahmslos. Wobei ich mit «mit dem Leben zu tun» meine: alles, was dem Leben dient.
Alles, was dem Leben dient – sei es die Natur, Kinder, LEBENSmittel, Tiere, Wälder, Sonne, Strand und Meer, die Berge, die Wiesen –, hat einen Wert, der sich durch nichts bemessen lässt. Und der diesen Dingen genau dadurch einen Sinn verleiht: indem er ihnen nicht erst verliehen werden muss. Durch nichts bewiesen werden muss. Und sich entsprechend auch durch keine Banalität, keine Absurdität und keine Wahllosigkeit dieser Zivilisation zerstören lässt. Natur ist. Tiere sind. Kinder spielen. Sie müssen niemandem etwas beweisen. Warum glauben wir, das wir es müssten? Woher kommt dieses Gefühl, immer irgendetwas zu müssen? Unserem Tun immer und zu jeder Tages- und Nachtzeit einen Sinn verleihen zu wollen?
Alles, was dem Leben dient – sei es die Natur, Kinder, LEBENSmittel, Tiere, Wälder, Sonne, Strand und Meer, die Berge, die Wiesen –, hat einen Wert, der sich durch nichts bemessen lässt. Und worin letztlich auch ihr Sinn verborgen liegt: Er muss ihnen nicht erst verliehen werden. Muss durch nichts bewiesen werden. Und lässt sich entsprechend auch durch keine Banalität, keine Absurdität und keine Wahllosigkeit dieser Zivilisation zerstören. Natur ist. Tiere sind. Kinder spielen. Sie müssen niemandem etwas beweisen. Warum glauben wir, dass wir es müssten? Woher kommt dieses Gefühl, immer irgendetwas zu müssen? Unserem Tun immer und zu jeder Tages- und Nachtzeit einen Sinn verleihen zu wollen?

Ich habe immer geglaubt, viele junge Menschen – mich eingeschlossen – verzweifeln daran, in dieser Welt nicht nur keinen Sinn mehr vorzufinden, sondern von dieser Welt auch zunehmend keinen Sinn mehr erwarten zu können.
Jetzt bin ich erwachsen und tue es teils immer noch. Und höre es, aktuell wieder im Laufe meiner Lesungen, zusätzlich von so vielen Menschen, die ihr Leben – die Jugend würde sagen – bereits (halb) «durchgespielt» haben.
Wobei ich merke – und was aus diesem Text hoffentlich auch halbwegs hervorgegangen ist –, dass die Sinnlosigkeit, die ich vielleicht noch als Jugendliche oder mit Anfang 20 als so unfassbar erdrückend empfand, derweil nicht mehr allzu schwer auf meinen Schultern zu lasten vermag. Und es erst recht nicht mehr schafft, mir meine gute Laune zu verderben. Mir die Butter vom Brot zu nehmen. Oder mir meinen Humor zu versalzen.
Mittlerweile sehe ich die Dinge, registriere sie und mache wie gewohnt mit dem weiter, was ich in meinem Leben gerade auf dem Plan hatte. Anders als es manch eine Lesermail nämlich herausgefunden zu haben und mir unterstellen zu müssen meint, lebe ich mein Leben nämlich. Und mag es obendrein sogar sehr.
Was nämlich, so meine finale Frage, wenn es nie darum ging, irgendwo objektiv in der Welt den einen Sinn zu finden, sondern sich und dem eigenen Leben einen zu verleihen? Was ist, wenn nicht die Frage danach, was sinnvoll ist, glücklich macht – sondern bereits in der Frage, was glücklich macht, aller Sinn verborgen liegt?
In diesem Sinne, meine Lieben, möchte ich euch hiermit noch einen wunderschönen Restsommer wünschen. Was hier die kommenden Wochen folgen wird, entspricht eher meinen Vorstellungen von leichterer Unterhaltung: Lesetipps, was übers Reisen und darüber, Freude am Leben zu haben. Denn mal ganz ehrlich: Wenn wir uns diese bereits nehmen lassen, bevor der Great Reset überhaupt erst ausgerollt wurde, hat dieser bereits sein Ziel erreicht, ehe er überhaupt umgesetzt werden musste.
Also: Geht raus, trefft Menschen, die euch lieb sind, streichelt Tiere und einander, esst Pasta, bestellt den Nachtisch, trinkt das dritte Bier und freut euch am Leben. Lacht. Lacht so viel ihr könnt.
Der Beitrag der Autorin Lilly Gebert erschien zuerst unter “Treffpunkt im Unendlichen” auf der Plattform “Substack” erschienen, wo weitere Beiträge der Autorin zu lesen sind.

