Gedanken zum Sonntag – von Lilly GebertDas Ende der Zeitsparkasse
Von Lilly Gebert
Michael Endes «Momo» ist weit mehr als ein Märchen über Zeitdiebe. Es erzählt von einer Welt, in der Menschen anfangen, sich für immer mehr Zeit selbst wegzugeben. Es ist eine Geschichte über die Wurzeln von Geld und Entfremdung – darüber, warum das Ende vom Krieg gegen das Leben bei uns selbst beginnt.
Zeit. Sie ist nicht nur die Währung unserer Welt, sondern auch das Medium, durch das die Menschen in Michael Endes 1973 erschienenem Roman «Momo» ihre Seele verlieren. Nicht wie in alten Erzählungen an den Teufel, sondern an seine modernen Nachfolger: die Grauen Herren. Mit ihren grauen Hüten und dicken Zigarren dringen sie in die Welt von Momo und ihren Freunden ein und überzeugen diese davon, ihre Zeit zu sparen. Sie aufzusparen. Für später. Für irgendwann. Für ein besseres Morgen. Für ein Leben, das niemals kommt – und das die «Zeitsparkasse» ihnen doch als Ewigkeit verkauft.
Blind für diesen Raub am Leben sind in Endes Geschichte vor allem die Erwachsenen. Nur Momo, der elternlose Lockenkopf, setzt ihm etwas entgegen, mit dem selbst die Grauen Herren nicht mehr gerechnet haben: Sie hört zu – «mit aller Aufmerksamkeit und Anteilnahme». Das Einzige schließlich, was Momo in Hülle und Fülle besitzt, ist Zeit. Und genau diese Zeit ermöglicht den Menschen etwas, das ihnen vor lauter Zeitersparnis abhanden gekommen ist: sich selbst zu begegnen.
Im Bann der Zeitdiebe
Momo, Beppo Straßenkehrer, dem es auch so vorkommt, als höre Momo direkt in sein Herz hinein, und Fremdenführer Gigi, dessen Geschichten seit ihrer Ankunft lebendiger und wundersamer geworden sind als je zuvor: Mit ihnen entwirft Michael Ende einen Gegenentwurf zu jenem System, dessen Fangarme er – 1929 in Garmisch geboren – Zeit seines Lebens hat ausbreiten sehen. Sowohl im Sozialismus als auch dem in seiner Entfremdungslogik noch konsequenteren Kapitalismus erkannte er die Tendenz, den Menschen zunehmend auf seine Funktion zu reduzieren und anhand dieser auszubeuten. Anders als die Diktatur zwang ihm diese Ordnung ihre Regeln nicht gegen seinen Willen auf – der Kapitalismus entkernte den Menschen so, dass er glaubte, seine Regeln selbst aus sich hervorgebracht zu haben. Bis zu dem Punkt, wo der Mensch – ähnlich wie die Grauen Herren – selbst kein Mensch mehr sei: ohne Geist, ohne Seele, ohne Würde. Vollends ergraut. Nichts mehr begehrend als Zeit, ohne noch zu wissen, wofür.
Wie ihnen das gelingt? Indem sie den Menschen etwas versprechen. Die Grauen Herren benötigen weder Armeen noch Gefängnisse, nicht einmal Banken, Regierungen oder Fabriken. All das erledigt sich von selbst, sobald sie einen Gedanken in die Köpfe der Menschen gepflanzt haben: die Vorstellung, durch das Sparen von Zeit eines Tages mehr Leben zu gewinnen. Ist dieser Gedanke erst einmal gesät, beginnen die Menschen, sich selbst anzutreiben. Sich selbst auszubeuten. Der Wahn des Zeitsparens lässt sie alles dem Diktat der Effizienz unterordnen – bis sie schließlich sogar das Kümmern um die eigenen, alt gewordenen Eltern als Zeitverschwendung erachten.
Das wiederum ist auch der Grund dafür, weshalb sich gerade die Erwachsenen später nicht einmal mehr an die Besuche der Grauen Herren erinnern können: Sie sprechen ihre Sprache bereits. Anders als vor den Kindern müssen sich die Zeitdiebe vor ihnen nicht verstecken – ihre Strebsamkeit hat sie ihre Denkweise längst verinnerlichen lassen. So folgt auch Wirt Nino ihnen nicht aus Bosheit, als er die Runde älterer Herren, die jeden Abend nichts als ihren billigen Wein trinken, vor die Tür setzt. Auch er handelt aus scheinbar vernünftigen Gründen: Er möchte erfolgreicher, produktiver und effizienter werden. Die alten Herren, so glaubt er, vergraulen die zahlungskräftige Kundschaft. Erst als sie fort sind, bemerkt er, dass ohne sie auch sein Restaurant ein Stück weit kälter geworden ist.
Anders ergeht es Momo. Als einer der Grauen Herren sie eines Tages im Amphitheater mit einer Puppe verführen will, deren Bedürfnis nach immer neuen Kleidern und immer neuen Dingen scheinbar grenzenlos ist, lehnt sie das Geschenk ab. «Man kann sie nicht liebhaben», stellt sie fest. Und fragt im Umkehrschluss den Grauen Herren etwas, das ihn weit mehr trifft als ihre Ablehnung: Ob ihn denn niemand lieb habe?
In dieser einfachen Frage verdichtet Ende den Unterschied zwischen Momo und den Erwachsenen: Während diese auf das Angebot schauen, blickt Momo auf den Menschen dahinter. Denn sie besitzt noch etwas, das den Erwachsenen verloren gegangen ist – die Fähigkeit, die Welt nicht nach ihrem Nutzen, sondern ihrem Wesen nach wahrzunehmen. Deshalb erkennt sie auch den eigentlichen Mangel, aus dem heraus die Grauen Herren keine Stille ertragen und folglich immer neue Bedürfnisse erschaffen müssen: Es ist nicht die Zeit, die ihnen fehlt, sondern die Liebe.

Leben auf Kredit
Dort, wo Leben vor allem nach seinem Nutzen bewertet wird, beginnt es seinen Wert zu verlieren. Genau darin sah Ende das Grundproblem des modernen Finanzkapitalismus: Es verändere nicht nur die Art des Wirtschaftens, sondern die Art des Menschseins selbst. Wo Geld nicht mehr vor allem als Tauschmittel dient, sondern gehortet und verzinst wird, entstehe ein permanenter Druck zu Wachstum, Konkurrenz und Verschuldung. Und weil neues Geld überwiegend durch Kredite in Umlauf gelangt, müsse die Wirtschaft ständig expandieren, neue Märkte erschließen und immer neue Bedürfnisse hervorbringen, um die Abhängigkeit von ihr in Form anhaltender Verschuldung aufrechtzuerhalten.
Für Ende lag hierin die eigentliche Ursache des fortwährenden «Krieges gegen das Leben»: Freundschaft, Muße, Kreativität, Gemeinschaft und innere Reifung folgen ihren eigenen Rhythmen, geraten jedoch zunehmend unter den Druck einer Ordnung, die nichts kennt als Beschleunigung, Verwertung und Wachstum. Die Menschen sparen ihre Zeit, um Zeit zu gewinnen – und verlieren dabei genau das, was Zeit überhaupt erst wertvoll macht: ihre Fähigkeit zum Spielen, zum Träumen, zum Verweilen und zu echter Begegnung.
Dementsprechend war «Momo» für Michael Ende nicht nur ein Märchen über Zeitdiebe und auch nicht bloß eine Kritik am modernen Geldsystem. Sichtbar machen wollte der in über 50 Sprachen übersetzte Kinder- und Jugendbuchautor vielmehr eine Ordnung, die nicht nur den Umgang mit Geld, sondern den gesamten Takt des menschlichen Lebens verändert. Gerade deshalb genügte es ihm auch nicht, Momo die Grauen Herren am Ende rein äußerlich besiegen zu lassen. Da ihr Reich außerhalb von Banken und Behörden liegt, würde dieses solange weiter regieren, wie es nicht dort aufhört zu existieren, woher es seine Daseinsberechtigung nimmt: in den Köpfen der Menschen. Die einzige Rettung, so zeigen es nach und nach auch die Figuren aus «Momo», beginnt erst, wenn sich der Mensch wieder jener inneren Wirklichkeit zuwendet, die sich der Logik von Effizienz, Nutzbarmachung und Kontrolle entzieht. Kurzum: Bei Ende steht nicht die äußere Revolution im Mittelpunkt, sondern die Befreiung des Bewusstseins. Und mit ihm die des Geldes.
Die Momo-Bewegung
«Freie Welt. Freies Geld.» So lautet auch das Leitmotiv der vom Filmemacher Lui Koray Hoffmeyer-Zlotnik ins Leben gerufenen Momo-Bewegung. Ähnlich wie Ende sieht auch die von ihm geprägte Initiative die Lösung nicht allein in einer Geldreform. Wer das Geldsystem verändern will, müsse zuvor die Werte verändern, auf denen es beruht. Schließlich sei das Gegenteil von Kapitalismus nicht Sozialismus, sondern Humanismus. Oder, wie es der Ökonom Peter Haisenko mit seinem Konzept der humanen Marktwirtschaft formuliert: Eine gesunde Ökonomie kann nicht ohne gesunde Menschen funktionieren.
Genau deshalb versteht Hoffmeyer-Zlotnik, der Haisenko sogar einen Dokumentarfilm gewidmet hat, Momo nicht als antikapitalistische Agitatorin, sondern als humanistische Revolutionärin. Wie bereits die gescheiterte Demonstration zu Beginn von «Momo» andeutet, funktionieren wahre Aufklärung und echte Veränderung weder durch Missionierung noch durch das Aufbauen neuer Fronten oder das Gegeneinander-in-Stellung-Bringen von Menschen. Im Gegenteil: Gerade von dieser Spaltung und dem aus ihr hervorgehenden Hass und der gegenseitigen Schuldzuweisung lebe das System. Wer es überwinden will, dürfe nicht damit beginnen, dessen Logik zu reproduzieren.
Der Impuls für eine humane Marktwirtschaft müsse deshalb aus der Friedensbewegung hervorgehen – aus dem grundlegenden Entschluss, den Krieg gegen den Menschen und das Leben zu beenden. Gerade bei ihr sah Hoffmeyer-Zlotnik zuletzt nämlich das Problem: Zu oft habe die Friedensbewegung in den vergangenen Jahren zwar gewusst, wogegen sie sei, nicht aber, wofür. Dadurch sei sie zunehmend orientierungslos und letztlich auch wirkungslos geworden. Das kindgerechte Bild von «Momo», verbunden mit Haisenkos bewusst für jedermann zugänglichen Konzept der humanen Marktwirtschaft, könne hier ein neues Verständnis dafür schaffen, dass solange Menschen einander ausbeuten oder sich selbst ausbeuten lassen, auch die im Grundgesetz beschworene Würde des Menschen unvollendet bleibt.
Damals für Ende wie heute für Hoffmeyer-Zlotnik steht daher fest: Erst wenn wir verstehen, wie sehr das bestehende System den Menschen von innen heraus prägt und korrumpiert, können wir aufhören, uns gegenseitig für die Folgen dieser Korrumpierung verantwortlich zu machen. Gelingt es uns nicht, die bestehende Ordnung in eine humanistische Marktordnung zu überführen, werde sie zwangsläufig faschistoide Züge annehmen. Dann wäre die Herrschaft der Grauen Herren zumindest in unserer Welt gelungen.

Was dir niemand auszahlen wird
Wie wir das verhindern? Indem wir die Momo in uns kultivieren. Sie schließlich verkörpert all das, was der moderne Mensch verdrängt: Aufmerksamkeit, Mitgefühl, Geduld und die Fähigkeit zuzuhören. Oder anders gesagt: die Voraussetzungen einer humanen Marktwirtschaft. Wer Momo versteht, so Hoffmeyer-Zlotnik, hat das Grundproblem der Menschheit verstanden. Sie erinnert uns daran, dass nicht das Leben dem Geld dienen sollte, sondern das Geld dem Leben. Warten wir also nicht auf das Erscheinen von Momo in unserer Welt. Werden wir selbst zu Momo.
