Lilly Gebert über die Lebekultur italienischer AutofahrerDort, wo die Autos noch halb auseinanderfallen
Der kolumbianische Philosoph Nicolás Gómez Dávila schrieb in einem seiner Aphorismen (1), dass Dummheit ungefähr in gleichem Maße zu bemessen sei wie die Begeisterungsfähigkeit eines Menschen für Technik.
An dieser Stelle wage ich es, mich einmal dahingehend zu «outen», dass ich jene, die lieber mit Bordcomputer und Spurassistent fahren, automatisch um einige IQ-Punkte tiefer einschätze als jene, die gerade in ihrer Art, sich fortzubewegen, bewusst aufs Analoge setzen. Denn ja, ich halte es für faul bis dämlich, existenzielle Lebensgefühle und -entscheidungen freiwillig an die Technik auszulagern. Wer sich dafür entscheidet, entscheidet sich immer auch ein Stück weit dagegen, eigenständig zu sein. Entscheidet sich im wahrsten Sinne des Wortes dagegen, selbst zu schalten. Dagegen, die Dinge selbst zu machen. Sie selbst machen zu wollen. Und wer daraufhin gar nichts mehr alleine kann, sieht es irgendwann auch als befreiend an, sich von der Technik sagen zu lassen, ob und wann er müde ist und entsprechend Pause zu machen hat. Er empfindet es als entlastend, nicht länger auf Abstand und Geschwindigkeit achten zu müssen. Oder sich situativ selbst überlegen zu müssen, ob die Entscheidung dafür oder dagegen, sich anzuschnallen, schlussendlich überhaupt noch ihm selbst obliegt. (Was sich übrigens nicht einmal mehr dadurch unterbinden lässt, die neuerdings eingebauten Infrarotlaser zuzukleben – dann streiken die meisten Autos erst recht.)
Nein, ich verstehe diese Dinge wirklich nicht. Und ich weigere mich auch, sie verstehen zu sollen. Geschweige denn, sie eines Tages als unausweichlich hinnehmen zu sollen. Unausweichlich für was? Die allgemeine Sicherheit? Diesen Gleichschritt mitsamt seinem als Fürsorge verpackten Freiheitsentzug kenne ich bereits.
Und ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mich umgekehrt umso wohler in jenen Gegenden fühle, in denen überwiegend noch Autos gefahren werden, in denen außer Klimaanlage, Radio und automatischen Fensterhebern kaum weitere Elektronik verbaut ist. Dort weiß ich, dass die Menschen nicht nur anhalten werden, falls ich mit meinem ebenfalls alten Auto eine Panne haben sollte, sondern mir obendrein auch helfen können. Weil sie ein Auto noch als Gebrauchsgegenstand verstehen und nicht als technischen Vormund. Weil sie eher die Motorhaube öffnen als die Bedienungsanleitung. Eben weil sie noch gelernt haben, sich selbst zu helfen, anstatt sich von jeder durch defekte wie durch bewusst defektanfällig verbaute Sensoren ins Blinken gebrachten Kontrollleuchte aus dem Verkehr und zum nächsten Fehlermeldungsauslesegerät ziehen zu lassen.

Ich finde es toll, dass diese Menschen in funktionierenden Kreisläufen leben und selbst noch einen funktionierenden Kreislauf haben – allein deshalb, weil sie nicht die ganze Zeit mit geschlossenen Fenstern und Klimaanlage herumfahren. Sondern lieber irgendeinen Hund – in Italiens Peripherie oftmals einen Maremmano oder anderen Hütehund-Mischling – im Kofferraum rumfliegen haben, für den der offene Fahrtwind ebenfalls das größere Freiheitsgefühl darstellt als die Hochsicherheitsbox ohne Ausguck im SUV-Kofferraum. Das gilt natürlich nicht ausnahmslos und bezieht sich vor allem auf die Landbevölkerung – egal wo. Abgesehen von ihrem weniger verhätschelnden Umgang mit Hunden und Tieren, der im Allgemeinen näher «am Tier» dran ist, als jene Städter zu erkennen vermögen, die ihn in ihrer Hybris von außen zu verurteilen meinen, liebe ich die Italiener dafür, dass sie ohne T-Shirt Auto fahren, zügig Auto fahren, unangeschnallt Auto fahren, mit Handzeichen statt Blinkern fahren und obendrein ihre Autos nicht jede Woche durch die Waschanlage schicken. Erstens, weil es nun mal nur ein Auto ist und sie zweitens noch wirklich wichtigere Dinge zu erledigen haben in ihrem Leben.
Beispielsweise sich um ihre Tiere kümmern. Sich um ihre Felder kümmern. Sich um ihre Familie kümmern. Sich um ihre Freunde kümmern. Für ihre Familie kochen. Für ihre Freunde kochen. Für sich selbst kochen. Oder mit Freunden und Familie nach Feierabend (obwohl… welcher Feierabend?) in die nächste Dorfpizzeria einkehren. Kurz: Weil sie – abgesehen davon, dass si größtenteils noch selber und gut kochen und gemeinsam mit der Familie zusammen an einem Tisch essen und reden – allgemein Dinge machen, die noch etwas mit dem Leben zu tun haben, anstatt sich permanent um Dinge kümmern zu müssen, die dieses Kümmern allein deshalb erfordern – oder besser gesagt einfordern –, weil sie einen bestimmten Preis gekostet haben.
Weshalb ich auch nicht anders kann, als zu sagen, dass mir das eine tausendmal sympathischer ist als das andere. Und ich entsprechend lieber an dem einen Ort mit den einen Menschen meine Zeit verbringe als an dem anderen mit den anderen.

Ich liebe es, wie in Italien geparkt wird. Wie jeder parkt, wie er Lust und Laune hat, weil einfach jeder weiß: Erstens ist es kein Weltuntergang, wenn dir jemand in dein Auto fährt, weil du so beschissen geparkt hast. Und zweitens wird das wahrscheinlich ohnehin nicht passieren, weil die Menschen hier besser Auto fahren können – auch wenn es nicht immer danach aussieht – und ohnehin jeder von sich auf andere schließt und weiß: Hinter der nächsten Kurve könnte genauso gut das nächste Auto stehen. Hier wird ausgewichen, anstatt sich darüber aufzuregen, dass geparkt wird, wie eben geparkt wird. Wohlwissend, dass jeder morgen selbst derjenige sein könnte, der bei Tante Maria noch schnell den selbst eingekochten Sugo abholen muss und entsprechend in der Kurve vor ihrem Haus parken wird. Nicht zu vergessen, dass ohnehin viele mit dem Roller unterwegs sind, was die Aufmerksamkeit im Straßenverkehr (theoretisch) ohnehin noch einmal erhöht.
Ich liebe es, dass gefühlt jeder schrottreife Fiat Panda auf den nächstgelegenen Berg hochkommt, während die neueren BMW-SUVs bei derselben Aufgabenstellung am Wegesrand eine Existenzkrise erleiden. (Das Internet ist voll von so herrlichen Videos.) Ich liebe, wie subtil dadurch etwas zum Ausdruck kommt: dass hier zumindest materiell nichts unter Beweis gestellt werden muss. Ich finde es wunderbar, dass Autos hier noch als das gesehen werden, was sie doch eigentlich mal waren: Fortbewegungsmittel, um von A nach B zu kommen. Was hier zählt, ist nicht die Zeit im Auto, sondern die Zeit dort, wo man hin möchte. Das Auto ist Mittel zum Zweck, nicht Ersatzobjekt andernorts ausbleibender Onanie.
Nein, in Italien wird ein Auto danach gekauft, ob es noch in den winzigen Parkplatz vor der Lieblingskneipe passt. Und nicht danach, ob es am Ende so teuer aussieht, dass sich keine Polizei mehr traut, es abzuschleppen, wenn es genau dort steht. (Mal ganz abgesehen davon, dass mit einem solchen Bonzenkarrenfahrer in jenen Kneipen vermutlich ohnehin niemand reden würde.)
Hier mag ich Urlaub machen. Hier mag ich sein. Denn wo Autos noch danach beurteilt werden, ob sie ihren Zweck erfüllen, werden auch Menschen oft noch danach beurteilt, wer sie sind – und nicht danach, was sie sich leisten können.
Oder wie Goethe am Montag, den 12. März aus Neapel passenderweise über seine damalige Italienreise schrieb: «Ich finde in diesem Volk die lebhafteste und geistreichste Industrie, nicht um reich zu werden, sondern um sorgenfrei zu leben.»
Der Beitrag der Autorin Lilly Gebert erschien zuerst unter “Treffpunkt im Unendlichen” auf der Plattform “Substack” erschienen, wo weitere Beiträge der Autorin zu lesen sind.
(Bild ganz oben: Italy. Nervi. Landscape with aqueduct ― Ilya Mashkov 1913)
(1) = Es genügt, dass die Schönheit unseren Überdruss streift … Aphorismen. Ausw. u. Hrsg.: Michael Klonovsky. Reclam, 2007.

