Waldweiden vor der NeubewertungKönnen Tiere Wälder schützen und gleichzeitig vom Wald profitieren?
Gerade im alpinen Raum verganden viele Gebiete, werden zu Wald. Dem könnte entgegengewirkt werden mit Beweidung. Aber auch in bereits bestehenden Wald könnte man viel Gutes bewirken durch Beweidung, durch sogenannte Waldweiden. 1902 sind Waldweiden in der Schweiz verboten worden. Lichte Wälder bieten vielen gefährdeten Tier- und Pflanzenarten Lebensraum. Ziegen als „Waldstaubsauger“, schattige Rückzugsorte für Nutztiere und mehr Artenvielfalt – Waldweiden erleben in Europa eine neue Aufmerksamkeit. In der Schweiz bleibt die Nutzung jedoch umstritten: Zwischen Naturschutz, Tierschutz und Waldschutz muss ein schwieriger Ausgleich gefunden werden. Von der rigiden Verbotspraxis rücken Behörden nun zum Glück langsam aber zunehmend ab.
Wenn im Sommer die Temperaturen steigen, suchen auch Nutztiere Schutz vor der Hitze. Kühe, Ziegen und Schafe auf offenen Weiden sind direkter Sonneneinstrahlung ausgesetzt. Schattenplätze sind deshalb ein wichtiger Faktor für ihr Wohlbefinden. Untersuchungen des Schweizer Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen zeigen, dass Weidetiere bei Hitzestress vermehrt Schatten aufsuchen und ihr Verhalten verändern.
Ein lichter Wald kann hier natürliche Vorteile bieten: Baumkronen reduzieren die Sonneneinstrahlung, das Mikroklima unter Bäumen ist ausgeglichener und Tiere können zwischen offenen Flächen und schattigen Bereichen wählen. Eine gezielt geführte Waldweide kann deshalb ein Beitrag zum Tierwohl sein.
Ziegen gegen Feuergefahr
In Südeuropa werden Ziegen teilweise gezielt eingesetzt, um die Vegetation zu reduzieren. Die Tiere fressen Sträucher, junge Triebe und krautige Pflanzen – also jenes Material, das bei Trockenheit als Brennstoff für Waldbrände dienen kann. Sie ersetzen keine Feuerwehr und verhindern keine Brände, können aber lokal die Menge an leicht entzündlichem Pflanzenmaterial verringern.
Dieses Prinzip hat auch für den Naturschutz Bedeutung: Beweidung kann offene Strukturen schaffen, Sträucher zurückdrängen und Lebensräume erhalten, die ohne Nutzung langsam wieder zu dichtem Wald werden würden.
Warum Waldweiden in der Schweiz lange kritisch gesehen wurden
Die Schweiz hat eine besondere Geschichte mit Waldweiden. Bis ins 19. Jahrhundert wurden Wälder vielerorts intensiv als Weideflächen genutzt. Die Folgen waren teilweise Übernutzung, geschädigte Böden und Probleme bei der Waldverjüngung. Die damaligen Erfahrungen prägten die strenge Waldgesetzgebung.
Heute sind Waldweiden nicht einfach generell verboten, aber Nutzungen, welche die Funktionen des Waldes beeinträchtigen, sind nicht zulässig. Besonders wichtig ist dies bei Schutzwäldern: Diese müssen dauerhaft ihre Funktion gegen Lawinen, Steinschlag, Rutschungen und andere Naturgefahren erfüllen können.
Das zentrale Problem ist der Verbiss: Fressen Tiere zu viele junge Bäume, kann die nächste Waldgeneration ausbleiben. Auch Trittschäden, Bodenverdichtung und Störungen empfindlicher Lebensräume können auftreten.
Neue Projekte zeigen differenziertere Sicht
Heute wird Waldweide zunehmend nicht mehr nur als Gefahr betrachtet. Verschiedene Projekte untersuchen, ob eine kontrollierte, extensive Beweidung zur Förderung der Biodiversität beitragen kann. Im Kanton Zürich beispielsweise werden an ausgewählten Standorten Ausnahmebewilligungen genutzt, um Erfahrungen mit Waldweiden als Naturschutzinstrument zu sammeln. Ziel ist unter anderem, strukturreiche Wald- und Waldrandbereiche zu fördern.
Dabei kommt es auf das richtige Maß an:
zu wenig Beweidung: mehr Strauchaufwuchs und Verlust offener Lebensräume,
zu viel Beweidung: Schäden an Jungbäumen und Böden,
angepasste Beweidung: mehr Strukturvielfalt und mögliche Vorteile für Tiere, Landschaft und Artenvielfalt.
Zwischen Tradition und Zukunft
Die Diskussion um Waldweiden zeigt einen grundsätzlichen Wandel: Der Wald wird nicht mehr nur als Holzproduktionsfläche betrachtet, sondern als komplexes Ökosystem mit Schutz-, Nutz- und Erholungsfunktionen.
Eine Rückkehr zu historischen Waldweiden in großem Umfang ist in der Schweiz kaum denkbar. Doch gezielte, wissenschaftlich begleitete Beweidung könnte künftig eine Rolle spielen – etwa an Waldrändern, in artenreichen Übergangsbereichen oder zur Pflege von Landschaften, in denen Feuergefahr oder Verbuschung ein Problem darstellen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr: „Wald oder Weide?“
Sondern: Welche Tiere, welche Flächen und welche Nutzung sind miteinander vereinbar?
Quellen, Weiterführendes
WaldSchweiz: Die Vorteile von beweideten Wäldern erhalten mehr Gewicht
https://www.waldschweiz.ch/de/kalender/aktuelles/die-vorteile-von-beweideten-w-ldern-erhalten-mehr-gewicht-7835
Kanton Zürich: Waldweiden
https://www.zh.ch/de/umwelt-tiere/naturschutz/biodiversitaetsfoerderung/projekte/naturschutz-projekte/waldweiden.html
Bundesamt für Umwelt (BAFU): Schutzwald
https://www.bafu.admin.ch/de/schutzwald
Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV): Wie reagieren Nutztiere auf Hitzestress und welche Massnahmen helfen dagegen?
https://www.blv.admin.ch/blv/de/home/tiere/forschungsprojekte-tiere/hitzestress.html
BauernZeitung: Waldweiden als Pflegeweide wären ein Gewinn für die Biodiversität
https://www.bauernzeitung.ch/artikel/pflanzen/waldweiden-als-pflegeweide-waeren-ein-gewinn-fuer-die-biodiversitaet-462205
https://www.pronatura.ch/de/waldweide-der-erzenbergruetene-0
https://www.museumaargau.ch/schloss-wildegg/museumswald/waldweide
https://www.bioaktuell.ch/aktuell/meldung/waldweide-ist-ein-urzustand
https://www.waldwissen.net/de/waldwirtschaft/nebennutzung/agrarische-waldnutzung/waldweide-wieder-im-kommen
https://www.research-collection.ethz.ch/server/api/core/bitstreams/400be50a-02f2-46b6-b12f-02c7e6df756a/content
(ki, rm)
