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Vom Segen des Flugmodus und des "Bitte-nicht-stören"-Modus
Die Tyrannei der permanenten ErreichbarkeitVom Segen des Flugmodus und des "Bitte-nicht-stören"-Modus

Die Tyrannei der permanenten Erreichbarkeit

Vom Segen des Flugmodus und des "Bitte-nicht-stören"-Modus
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Ein Kommentar von Remo Maßat

Es ist Wochenende. Während die einen im Ausgang das Leben feiern, liegen die anderen mit einer Erkältung im Bett, genießen die Zeit mit dem Partner oder erledigen – wie so oft am Wochenende – die Bürokratie oder liegengebliebene Arbeit rund ums Haus oder genießen einfach die Arbeit im Garten – und haben das Natel aus.

Ob im Zug, beim Kundentermin, auf dem WC oder eben abends bei den Holz- und Erdarbeiten im Garten: Es gibt unzählige Momente, in denen das Smarfon schlicht Sendepause hat.

Und sowas ist zu akzeptieren – und muß nicht gerechtfertigt oder begründet werden. Etwa gegenüber jemandem, der die absurde Frage stellt, ob man seine Nummer gesperrt habe, nur weil man einmal nicht erreichbar ist.

Aus dem völlig gesunden Bedürfnis nach Ruhe oder dem Zwang, das Smartfon in den Ruhemodus zu versetzen, etwa wenn ein Journalist auf einem Medienanlaß ist, wird so ein plötzlicher Rechtfertigungsdruck.

Ein digitaler Segen

Früher nannte man das Feierabend oder Privatsphäre. Heute schaltet man dafür den „Flugmodus“ oder den „Bitte-nicht-stören-Modus“ ein. Ein digitaler Segen. Ja, man darf auch mal nicht erreichbar sein.

Apropos Segen: Manch gläubige Leute beten vielleicht gerade oder andere Leute meditieren gerade und sind deswegen nicht erreichbar. Oder Leute, die keinem Glauben anhängen und auch nicht meditieren, die wollen vielleicht am Abend im Garten oder beim Holz-Fällen oder sonstigen entspannenden oder anstrengenden Tätigkeiten einfach ihre Ruhe haben. Was doch erlaubt sein sollte.

Man sieht sich plötzlich mit der absurden Situation konfrontiert, sich dafür erklären zu müssen, warum man am Wochenende nicht direkt abgenommen hat. „Ich war im Garten“, „Ich habe geschlafen“, „Ich war auf einem Medienanlaß“. Warum eigentlich? Seit wann ist die temporäre Nichterreichbarkeit ein Delikt, für das man ein Alibi braucht?

Seelische und körperliche Selbstfürsorge

Dabei ist der Bitte-nicht-stören-Modus oder Flugmodus kein Akt der Aggression gegen die Außenwelt. Er ist ein Akt der Selbstfürsorge und des gesunden Menschenverstands. Und gemäß jüngsten Studien sogar der Gesundheitsvorsorge. Und nein, gemeint ist hier nicht die seelische Gesundheit, die unter ständiger Erreichbarkeit notabene auch leidet, sondern ganz profan die körperliche Gesundheit.

Ärzte raten Paaren, die keine Kinder kriegen können dazu, daß der Mann nicht ständig das scharfgeschaltete Smartfon im Hosensack mit sich tragen sollte. Berichtet etwa das Schweizer Staatsfernsehen SRF unter dem Titel “Handy in der Hosentasche: Leiden meine Spermien?“. Wer es genau wissen will, der konsultiert eine vielbeachtete Langzeitstudie der Universitäten Genf und Basel  aus dem 2023 dazu, die knapp 2900 junge Männer untersuchte. Das Ergebnis: Eine häufige Smartfon-Nutzung korreliert mit einer geringeren Spermienkonzentration.

Es ist erlaubt, nicht erreichbar zu sein

Wer konzentriert mit Holz arbeitet, braucht keine vibrierende Hosentasche, die ihn im falschen Moment ablenkt. Wer im Zug sitzt oder einen Termin wahrnimmt, zeigt Respekt gegenüber seinen Mitmenschen, indem er eben nicht permanent erreichbar ist. Und wer am Samstagabend einfach seine Ruhe will, hat jedes Recht der Welt dazu. Auch, wenn er nur im Wald wandert oder nur gerade einen Film ansieht oder ein Klassik-Konzert besucht.

Und nein – man muß in einem Konzert oder im Wald oder während einem Film nicht SMS beantworten, warum man nicht erreichbar ist und sich dafür rechtfertigen.

Das normalste Recht jedes Menschen

Nicht-Erreichbarkeit ist kein Zeichen von Ablehnung und erst recht kein Grund direkt paranoide Sperr-Vermutungen anzustellen. Es ist das normalste Recht eines jeden Menschen, selbst zu entscheiden, wann er für die Welt da ist und wann nur für sich selbst. Zumal abends oder am Wochenende.

Wenn das Telefon also das nächste mal direkt eine Meldung bringt, der Teilnehmer sei nicht erreichbar,  umleitet, atmen Sie tief durch. Der Angerufene hat Sie nicht blockiert. Er lebt nur gerade sein Leben – ganz real, ganz analog und ohne digitalen Rückkanal. Und das sollte man nicht hinterfragen, sondern akzeptieren.

Digitale Entgiftung: Der bewußte Entzug im Alltag

Ein bekannter Chefredaktor und Herausgeber einer schweizweit erscheinenden Zeitung macht am Wochenende immer wieder sogenanntes “digital detox” und er ist nicht der Einzige. Diese digitale Entgiftung hat nichts mit dem Wunsch zu tun, als Einsiedler zu leben. Sie ist schlicht die logische Konsequenz, wenn man die Hoheit über die eigene Zeit nicht an sein Smartfon abtreten will. Die Umsetzung dieser Funkstille erfordert im Alltag oft nur minimale, aber konsequente Schritte.
Das beginnt beim systematischen Stummschalten aller entbehrlichen Benachrichtigungen. Weder Nachrichtenseiten noch digitale Plattformen sollten das Recht haben, sich mit Tönen oder optischen Signalen ungefragt in den Vordergrund zu drängen. Wer konzentriert arbeitet oder sich vom Streß erholen will, entzieht dem Apparat die Erlaubnis, permanent zu stören. Und es endet damit, daß man wenigstens stundenweise “Bitte nicht stören” aktiviert. Etwa beim Wandern, oder wenn man morgends erst langsam in die Gänge kommt und sich auf die Arbeit konzentrieren muß, jeden Morgen und wann immer es einem sonst paßt. Es ist die freie Entscheidung jedes Einzelnen, auch einmal Ruhe zu haben.

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