Dr. Daniele Ganser zum “Kampf der Giganten”8 Fragen zur aktuellen geopolitischen Situation
Die Welt ist in Bewegung, es gibt Machtverschiebungen hin zu einer multipolaren Welt, weg von der bisherigen unipolaren Welt. Die Zeit, in welcher die USA die dominierende globale Macht waren, erscheint zunehmend vorbei. Länder wie China, Rußland aber auch Indien oder der Iran akzeptieren die US-Dominanz nicht mehr. Dr. Daniele Ganser, bekannter Schweizer Historiker, hat dazu ein Buch herausgegeben, “Kampf der Giganten, das am 14. September erschienen ist. Walliser Zeitung hatte Gelegenheit, ihn dazu zu befragen.
WZ: Was sind die Hauptgründe für den Verlust der US-Dominanz aus Ihrer Sicht? Geht es um wirtschaftliche Aspekte, spielt das der Eindruck vieler Menschen eine Rolle, daß sich die USA nicht mehr an rechtsstaatliche oder völkerrechtliche Prinzipien halten – oder welche anderen Gründe gibt es Ihrer Meinung nach?
Ganser: Es ist ein ganz natürlicher Prozess. Jedes Imperium kommt in eine Krise und steigt dann ab. Auch die Spanier und die Portugiesen hatten einst ein Imperium, ebenso die Briten. Diese Imperien gibt es heute nicht mehr. Auch das Römische Imperium ist vergangen. Was wir jetzt beobachten, ist der Niedergang des US-Imperiums. Der kann sich aber über viele Jahre hinziehen.
WZ: Die USA treten derzeit gegenüber langjährigen Partnern und Nachbarn wie Kanada und Mexiko ungewöhnlich konfrontativ auf, aber auch gegenüber EU-Ländern. Sie wollen Grönland “übernehmen”. Die Rolle der USA hinsichtlich Gaza, Venezuela oder Iran ist – zurückhaltend formuliert – äußerst umstritten. Gibt es historische Beispiele dafür, daß Großmächte in einer Phase relativen Machtverlusts ähnlich agiert haben?
Ganser: Der Niedergang eines Imperiums allein verursacht keinen Krieg, es gab Machtübergänge, die friedlich verliefen. Aber in einigen Fällen gab es tatsächlich Kriege.
Spanien war einst ein mächtiges Imperium. Aber 1898 kam es zum Spanisch-Amerikanischen Krieg gegen die aufsteigenden USA. Kuba war damals noch eine spanische Kolonie und die Kämpfe fanden vor allem in Kuba statt. Spanien verlor – und musste unter anderem Puerto Rico, Guam und die Philippinen abtreten. Der Krieg markierte das Ende des spanischen Überseeimperiums und gleichzeitig den Aufstieg der USA von einer isolationistischen zu einer imperialen Macht. Der Krieg begann damals übrigens mit einer Explosion: Am 15. Februar 1898 explodierte das amerikanische Kriegsschiff USS Maine im Hafen von Havanna auf Kuba. Dabei starben 266 Menschen. Die USA gaben Spanien die Schuld und behaupteten, Spanien habe die Maine mit einer Mine versenkt. Doch das stimmte nicht. Spanien erklärte, man habe nichts mit der Explosion zu tun. Spanien sagte damals die Wahrheit. Im Jahre 1976 bestätigte eine offizielle Untersuchung der US Navy, dass die Explosionslöcher nach außen wiesen und sich die Explosion im Inneren der USS Maine ereignet hatte.
Ein anderes interessantes Beispiel ist Großbritannien. Um 1900 war das British Empire noch die führende Weltmacht, wurde wirtschaftlich aber zunehmend von den USA und Deutschland eingeholt. Deutschland wollte auch Kolonien und eroberte zum Beispiel die Kolonie Tsingtau in China und in Afrika die Kolonien Namibia, Tansania und Kamerun. Deutschland wollte auch eine Eisenbahn bis Bagdad bauen. Das britische Imperium sah das alles gar nicht gerne und so kam es zum Konflikt zwischen London und Berlin. London betrachtete das aufstrebende Deutschland als gefährlichen Rivalen. Eine Reihe von Ereignissen führten dann 1914 zum Ersten Weltkrieg, indem die Briten die Deutschen besiegten und als Konkurrenten ausschalteten. Als Sieger gaben die Briten den Deutschen zudem die Alleinschuld für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, obschon das nicht stimmte, der Ausbruch des Ersten Weltkrieges war weitaus komplexer als es die Briten zugeben wollten.
WZ: Erwarten Sie, dass die USA ihre bisherige Vormachtstellung tatsächlich verlieren werden? Oder könnte es auch anders kommen? Wenn Europa beispielsweise in einen größeren Krieg mit Russland geraten sollte, könnten die USA – ähnlich wie nach dem 1. und 2. Weltkrieg – am Ende wirtschaftlich und geopolitisch gestärkt dastehen, während ein kriegsgebeuteltes Europa geschwächt wäre und in der Folge erhebliche Kriegsschulden tragen müßte?
Ganser: Ich hoffe nicht, dass sich der Ukrainekrieg auf Westeuropa und die NATO-Staaten ausweitet. Aber Sie haben natürlich recht, die Lage ist gefährlich. Der Einmarsch von Präsident Putin in die Ukraine am 24. Februar 2022 war illegal. Auch der Gigant Russland bricht das Völkerrecht, nicht nur der Gigant USA. Mit der Osterweiterung der NATO haben die USA den Krieg provoziert. Die Russen wollen nicht, dass die Ukraine in die NATO kommt. Moskau besteht darauf, dass die Ukraine neutral sein muss. Was wir in der Ukraine beobachten ist ein Stellvertreterkrieg der Giganten. Diese Stellvertreterkriege sind immer gefährlich. Die USA haben in Kiew im Februar 2014 den Putsch gegen die gewählte Regierung unterstützt, das schildere ich in meinem Buch ausführlich. Aber in der Schweiz wird wenig über diesen Putsch gesprochen. Oft wird so getan, als ob die Probleme in der Ukraine erst 2022 mit dem russischen Einmarsch angefangen haben. Aber das stimmt nicht. Schon nach dem Putsch 2014 begann der Bürgerkrieg.
WZ: Wenn Sie auf die Geschichte zurückblicken: Ist der Machtverlust einer Großmacht überhaupt jemals friedlich verlaufen? Oder besteht gerade in einer solchen Übergangsphase die größte Gefahr, daß die bisherige Führungsmacht versucht, ihre Position mit militärischen zu behaupten?
Ganser: Die USA sind im Moment das Imperium und sie versuchen mit Gewalt ihre Vorherrschaft zu behaupten. Aber Washington ist nicht in der Lage zum Beispiel den Iran zu besiegen. Die ganze Welt beobachtet mit Staunen, dass der Iran die amerikanischen Militärstützpunkte am Golf zerstört hat, in Bahrain, Katar, den Emiraten, Saudi Arabien, Irak, Kuwait und Jordanien. Brennende US-Militärstützpunkte hat man vorher noch nie gesehen. Das ist ein Zeichen, dass das Imperium in der Krise ist. Zudem vermelden die USA, dass sie zu wenig Patriot Abfangraketen haben. Die genauen Zahlen sind geheim. Aber das Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington schätzt, dass die USA zu viele Patriots in zu kurzer Zeit verbraucht haben. Auch das zeigt die Krise des Imperiums. Vor dem illegalen Angriff auf den Iran, also vor dem 28. Februar 2026, hatten sie vermutlich 2300 Patriot Abfangraketen. Nach dem Krieg weniger als 900. Die Ukraine fordert auch Patriot Abfangraketen, um sich gegen die Angriffe von Russland zu wehren. Aber die USA haben zu wenige.
WZ: Wenn die USA tatsächlich weiter an Einfluß verlieren: Kommt es dann zu einem Aufstieg einer neuen dominierenden Macht – etwa Chinas – oder tatsächlich zu einer multipolaren Welt, in der mehrere Machtzentren miteinander konkurrieren?
Ganser: Ich denke beides passiert: China steigt auf und es entsteht eine multipolare Welt mit mehreren Machtzentren. Im Moment sehen wir die Achse Peking-Moskau wird immer enger, Russland und China arbeiten eng zusammen. Aber das muss nicht immer so bleiben Allianzen ändern sich. Im Zweiten Weltkrieg haben die USA, China und Russland gemeinsam die japanischen Besatzungstruppen aus China vertrieben. Die drei Giganten waren damals also in einer Allianz. Heute lehnen China und Russland die globale Vorherrschaft der USA ab.
WZ: Mit BRICS, der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit und dem Mekka-Abkommen, dem Waldai-Forum gibt es Verschiebungen hin zu neuen Formaten und Kooperationen außerhalb westlich dominierter Strukturen wie Nato oder G7, G20. Auch die künftigen Bedeutung der Uno scheint nicht sicher. Hat es solche Verschiebungen der internationalen Bündnis- und Machtstrukturen historisch schon zu früheren Zeiten gegeben und wie waren die Auswirkungen für die “Altmächte”?
Ganser: Ja, das internationale Machtgefüge ändert sich immer. Anfang der 1970er Jahre hat US-Präsident Richard Nixon China besucht und mit Mao Zedong Gespräche geführt. Die USA wollten einen Keil zwischen die beiden kommunistischen Staaten China und Sowjetunion treiben, was aber nicht gelang. China forderte den ständigen Sitz im UNO Sicherheitsrat, der von Taiwan besetzt wurde. Weil die USA ihre Beziehungen zu China verbessern wollten, halfen sie China und daher erhielt die Volksrepublik China 1971 den Sitz im Sicherheitsrat. Taiwan musste den Sicherheitsrat verlassen. Das war eine gewaltige Verschiebung der Machtverhältnisse im UNO-Sicherheitsrat.
WZ: Demnächst wird über die Neutralitätsinitiative abgestimmt: Welche Bedeutung messen Sie in einer sich global verändernden und multipolareren Welt der Schweizer Neutralität zu?
Weiterführendes
Buch “Kampf der Giganten”

(rm)
(Foto: Daniele Ganser am 18.9.2026)


