Netzwerk Oberwalliser Berggemeinden (NOB) mit Zukunftswerkstatt in KippelOberwalliser Berggemeinden besprechen den Ernstfall
Am vergangenen Montag organisierte das Netzwerk Oberwalliser Berggemeinden (NOB) seine diesjährige Zukunftswerkstatt in Kippel. Gemeindepräsidenten und Stabschefs vernahmen aus erster Hand, wie der regionale Führungsstab Lötschental nach dem verheerenden Bergsturz in Blatten durch die Krise führte, und reflektierten die Bereitschaft ihrer eigenen Organisationen.
Sebastian Arnold, Gemeindepräsident von Simplon Dorf und NOB-Vorsitzender, durfte über 30 Gäste bei der Veranstaltung begrüssen. Sie richtete ihr Hauptaugenmerk auf Krisensituationen. «Der stetige Austausch zum Umgang mit Ereignisfällen ist unumgänglich», betonte Arnold. Er konnte dafür interessante Referenten ankündigen: Die Gemeindepräsidenten von Blatten und Kippel sowie die Chefs des regionalen Führungsstabs Lötschental berichteten von der Ereignisbewältigung, von der Arbeit in und mit Führungsstäben, Blaulichtorganisationen und Armee oder von der Wichtigkeit einer transparenten und faktenbasierten Kommunikation.
Im Ernstfall ist alles anders
Bei den Gesprächen zeigte sich, dass bei einem Ereignisfall viel Flexibilität gefordert ist: Alle beginnen wieder bei Feld 1, daran ändert keine noch so penibel vorbereitete Planung etwas. Im Ereignis ändert sich die Lage gerade am Anfang permanent. Ständige Plananpassungen erfordern von Stäben psychische und physische Belastbarkeit, weil sich jeder Mensch mit zunehmender Einsatzdauer seiner persönlichen Belastungsgrenze nähert. Ein vertrautes Miteinander sei daher von zentraler Bedeutung, waren sich sämtliche Referenten einig.
Während Dokumente, Konzepte oder Planungen im Ereignis kaum 1:1 Anwendung finden, bleiben Abläufe weitgehend gleich. Gerade weil im Ereignisfall «alles anders ist», sind regelmässige Übungen unverzichtbar: Stabsmitglieder müssen deshalb wissen, wer für was verantwortlich ist. Nur so könne man sich auf Kameraden und Abläufe verlassen, betonten alle Referenten. Sind relevante Funktionen vakant, müssen geeignete Personen zudem direkt von den zuständigen Kommandanten rekrutiert werden. Trainierte Organisationen hätten den Vorteil, Einsätze gefestigter antreten zu können.
Die erste Stunde zählt
Ebenfalls unter die Lupe genommen wurde am Beispiel von Blatten die konkrete Rolle der Führungsstäbe bei einem Ereignisfall. Stäbe unterstützen die Führung: Sie erarbeiten Lösungskonzepte und halten den politisch Verantwortlichen den Rücken frei. Diese können sich so auf ihre demokratisch übertragenen Aufträge konzentrieren und auf einer soliden Grundlage gute Entscheide fällen. Erkennt ein Stab ein Problem, stellt er einen entsprechenden Antrag. Den Entscheid selbst fällt jedoch die Exekutive.
Besonders die Kommunikation unmittelbar nach einem Ereignis ist wichtig. Denn wer früh kommuniziert, kann Wahrnehmung und Informationsfluss besser mitgestalten. Die «golden hour» ist in der Krisenkommunikation entscheidend: Sie muss dazu genutzt werden, die Lage so weit wie möglich einzuschätzen, Zuständigkeiten festzulegen, Betroffene noch vor den Medien zu informieren und eine erste öffentliche Kommunikation herauszugeben, auch wenn noch nicht alle Fakten vorliegen. Damit kann ab der ersten Stunde Vertrauen aufgebaut werden. «Wer nicht handelt, der wird behandelt», denn Medien suchen und finden immer Informationen.
Vier Lehren für die Gemeinden
Für die Gemeinden ergeben sich aus dem Austausch in Kippel vier Lehren. Die Stäbe müssen regelmässig üben, denn Pläne ändern sich im Ernstfall, während die Abläufe bleiben. Zuständigkeiten gehören vorab geklärt und vakante Funktionen besetzt. Die Rollen müssen zudem klar sein: Der Stab bereitet vor, die Exekutive entscheidet. Und schliesslich sollte die Kommunikation möglichst früh einsetzen, wobei Betroffene noch vor den Medien zu informieren sind. «Wer seinen Stab erst im Ernstfall kennenlernt, ist zu spät dran», zieht NOB-Geschäftsführer Christian Ineichen ein Fazit.



