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Hinweise auf makabre Inszenierung
Rätselhaftes Ende eines LuchsesHinweise auf makabre Inszenierung

Rätselhaftes Ende eines Luchses

Hinweise auf makabre Inszenierung
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Von Prof. Dr. Raphaël Arlettaz

Im Oktober 2025 wurde oberhalb von Dorénaz der Kadaver eines adulten Luchses entdeckt.
Die Todesursache ist bislang ungeklärt. Die Umstände des Fundes sprechen jedoch dafür, daß der Tierkörper gezielt an diesem Ort abgelegt und bewußt in Szene gesetzt wurde.

Am 20. Oktober 2025 entdeckte eine Privatperson den Kadaver eines Luchses bei Champex d’Alesse oberhalb von Dorénaz am Rand eines wenig begangenen Wanderwegs, nur wenige dutzend Meter von jener Stelle entfernt, an welcher der inzwischen verstorbene Lini Paccolat Drahtschlingen zum Fang von Luchsen ausgelegt hatte. Paccolat war 2015 wegen illegaler Luchsjagd rechtskräftig verurteilt worden.

Der Finder informierte mich am 22. Oktober über den toten Luchs. Er zog es vor, sich direkt an mich zu wenden, anstatt den Wildhüter oder die Kantonspolizei zu benachrichtigen. Hintergrund waren frühere Erfahrungen, die er gemacht hatte, nachdem er den Behörden im selben Gebiet wiederholt mutmaßlich illegale Handlungen bezüglich Luchsen gemeldet hatte und sich danach unter Druck gesetzt fühlte. Der Kontakt zu meiner Arbeitsgruppe an der Universität Bern kam zustande, weil wir seit 2011 im gesamten Kanton Wallis die Beziehungen zwischen Großraubtieren und ihren Beutetieren untersuchen.

Abb. 1 (siehe auch nächste Seite): Der bei Dorénaz tot gefundene Luchs, fotografiert zu verschiedenen Zeitpunkten im Leben.
Abb. 1 (siehe auch weitere Abbildung oben): Der bei Dorénaz tot gefundene Luchs, fotografiert zu verschiedenen Zeitpunkten als er am Leben war.

Trotz des bereits weit fortgeschrittenen Verwesungszustands ließ sich der Luchs anhand seines Fellmusters eindeutig identifizieren (Abb. 1 und 2). Er war zwischen dem 1. Dezember 2021 und dem Winter 2024/2025 total 161-mal an elf verschiedenen Orten (von elf Fotofallen) nachgewiesen worden. Auf dieser Grundlage ließen sich sein Streifgebiet und seine Bewegungen im Raum nachträglich rekonstruieren (Abb. 3). Da mehrere Nachweise in unmittelbarer Nähe der Waadtländer Kantonsgrenze erfolgten, ist anzunehmen, daß sich der Luchs zeitweise auch im angrenzenden Chablais aufgehalten hatte. Um diese Annahme zu überprüfen, wandten wir uns an KORA. Der zuständige Verantwortliche lehnte jedoch mit Hinweis auf das laufende Verfahren eine Stellungnahme ab.

Am 23. Oktober 2025 machte ich eine erste Begehung des Fundorts und machte Fotos vom Kadaver. Am folgenden Tag informierte ich Nicolas Bourquin, den Chef der Dienststelle für Jagd, Fischerei und Wildtiere. Da das Wochenende bereits begonnen hatte, konnte eine Bergung erst am Montag, 27. Oktober, erfolgen. Aufgrund des weit fortgeschrittenen Verwesungszustands und der starken Geruchsentwicklung habe ich den Kadaver zunächst eingefroren und am 11. November 2025 dem zuständigen Dienst übergeben. Gleichzeitig habe ich den Behörden einen ausführlichen Bericht übermittelt, auf dem der vorliegende Beitrag basiert. Von Nicolas Bourquin und Prof. Irene Adrian-Kalchhauser vom Tierspital Bern wurde ich informiert, daß eine pathologische Untersuchung vorgesehen sei. Es wurde mir versprochen, mir den Bericht zu überreichen, sobald er vorliegt.

Abb. 3: Streifgebiet des betreffenden Luchses während vier Monitoring-Wintern. Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sichum ein Männchen, worauf sowohl seine allgemeine Morphologie als auch die Größe seines Streifgebiets hindeuten.
Abb. 3: Streifgebiet des betreffenden Luchses während vier Monitoring-Wintern. Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich um ein Männchen, worauf sowohl seine allgemeine Morphologie als auch die Größe seines Streifgebiets hindeuten.

Mein Entscheid, den Kadaver zwischenzeitlich einzufrieren, wurde von den Behörden nachträglich kritisiert. Angesichts des Verwesungszustands des Tiers war dieses Vorgehen für mich aber die einzige praktikable Maßnahme. Zudem beeinträchtigt meines Wissens das Einfrieren weder den Nachweis von Bleiprojektilen, die mittels Röntgenuntersuchung nachgewiesen werden können, noch toxikologische Analysen der Organe.

Fall unangenehm für Walliser Jagdkreise

Dieser Fall ist unangenehm für die Walliser Jagdkreise, die darauf hinarbeiten, von der Bundesbehörde in Bern eine Bewilligung zur Regulierung des Luchsbestands zu erhalten, wie Sven Papaux kürzlich im Auftrag des Internet-Mediums Watson aufgezeigt hat. Der Nachweis eines vierten offiziell dokumentierten Falls mutmaßicher Luchswilderei im Wallis nach den ersten drei Fällen in den Jahren 2021 und 2022 (vgl. Fauna•VS-Info Nr. 433 und 414) könnte die Chancen unter Umständen schmälern, daß der Bund auf ein solches Gesuch eingeht.

Besonders auffällig sind im vorliegenden Fall jedoch weniger die möglichen Todesursachen als vielmehr die Umstände des Fundortes und die Position des Kadavers. Der Tierkörper lag am Rand eines Sackgassenwegs, der nur sporadisch begangen und zudem stark überwachsen ist. Es ist plausibel, daß der Luchs nicht an dieser Stelle verendet ist, sondern post mortem dorthin gebracht wurde. Die Lage des Kadavers spricht dafür, daß das Tier an den Vorderläufen fixiert transportiert oder gezogen wurde, vermutlich ausgehend vom wenige hundert Meter entfernt gelegenen Parkplatz am Ende der befahrbaren Straße. Der Ablageort befindet sich zudem nur wenige dutzend Meter unterhalb des Zentrums einer ehemaligen Schlingenfalle, die einst von Lini Paccolat benutzt wurde (Abb. 5). An eben dieser Falle konnte dereinst DNA von Paccolat nachgewiesen werden, was 2015 zu seiner strafrechtlichen Verurteilung wegen illegaler Luchsjagd führte (Arlettaz et al. 2021).

Abb. 2: Dieser Luchs wurde im Rahmen unseres Monitoringsnoch im Winter 2024/2025 nachgewiesen (Aufnahme vom 9. September 2024). Beachtenswert: Sein Fellmuster war sehr charakteristisch. © Conservation Biology, Uni Bern.
Abb. 2: Dieser Luchs wurde im Rahmen des Monitorings noch im Winter 2024/2025 nachgewiesen (Aufnahme vom
9. September 2024). Beachtenswert: Sein Fellmuster war sehr charakteristisch. © Conservation Biology, Uni Bern.

Unabhängig von der letztlichen Klärung der Todesursache deuten die Umstände somit mindestens auf eine gezielte Platzierung des Kadavers hin. Ob die laufenden Bestrebungen zur Regulierung des Luchsbestands im Wallis letztlich erfolgreich sein werden oder nicht, bleibt offen. Vor dem Hintergrund mehrerer Jahrzehnte dokumentierter Wilderei, die bis in die jüngere Vergangenheit hinein zumindest teilweise unzureichend aufgearbeitet wurde, bleibt die Situation für die Art im Kanton jedenfalls fragil.

Aber ich möchte diesen Artikel mit einem positiven Aspekt abschliessen. In den 2010er-Jahren gab es im Wallis nur noch fünf bis acht Luchse, und die Fortpflanzung war praktisch zum Erliegen gekommen. Südlich der Rhone kam die Art gar nicht mehr vor, obwohl dort Ende der 1980er-Jahre noch mehrere Tiere lebten (Untersuchungen von Heinrich Haller). Im Jahr 2025 hingegen zählte die Population gemäß den Aufzeichnungen unserer Fotofallen 30 eigenständige Luchse und acht Würfe mit insgesamt mindestens elf Jungtieren. Daß mein Labor all diese Wildereiaktivitäten, die lange Zeit verschwiegen wurden, aufgedeckt hat, hat schließlich Früchte getragen. Dazu beigetragen haben wahrscheinlich auch bedeutende Veränderungen in der kantonalen Governance seit Beginn der 2020er-Jahre.

Abschließend sei den Mitarbeitenden Valentin Debons und Stijn Verschueren für ihre sorgfältige Datenaufbereitung und die Identifikation der Luchse gedankt.


Prof. Dr. Raphaël Arlettaz, Universität Bern analysierte den Fall für Fauna VS. Dort erschien der Beitrag als Erstpublikation.


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https://www.lenouvelliste.ch/avis-de-deces/lini-paccolat-493167

https://www.letemps.ch/suisse/lini-paccolat-braconnier-parle?srsltid=AfmBOop8A_RMSOX-fo0YsftS4Usw4FlNfhgQjHAWNLhm5gWULEG4RkTZ

https://www.tierwelt.ch/artikel/wildtiere/wwf-zeigt-den-ehrlichen-wilderer-an-416620

(Bild ganz oben: Abteilung für Naturschutzbiologie der Universität Bern)
(pd, rm)

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