UMS’nJIP in MünsterIn der Nahaufnahme verwildern wir (das ganze Buch)
Das Walliser Neue Musik-Duo UMS’nJIP (Ulrike Mayer-Spohn und Javier Hagen) lädt am Sonntag, dem 13. September zwischen 13-23h zu einem besonderen Musik-Ereignis am MEbU in Münster ein: dann werden alle 4 Liederzyklen aus Rolf Hermanns “In der Nahaufnahme verwildern wir”, eine zeitgenössische Anverwandlung von Rilkes Spätschaffen im Wallis, aufgeführt: “im störgarten” (14h), “entwendete fenster” (16h), “neophyten” (18h) und “eins” (20h).
UMS’nJIP gehört mit über 35 internationalen Auszeichnungen zu den renommiertesten Ensembles ihrer Art, mit Aufführungen am Palacio de Bellas Artes in Mexico City, am Colón Buenos Aires, der Shanghai New Music Week, am Liceu Barcelona und an der Biennale Venedig.
Mehrstündige Aufführungen sind wie eine Mehrtageswanderung: unvergesslich. Gemeinsam Zeit zu teilen und sich einen Tag lang gestalteter Sprache, Klang und Musik hinzugeben, das ist das Angebot dieses Programmes.
Zwischen den Zyklen gibt es Gelegenheit, um sich bei einem Glas Wein und Snacks ungezwungen untereinander oder mit den Musikern auszutauschen.
Der Eintritt zum Konzert ist frei, Einlaß ist ab 13h (Einführung), die einzelnen Teile können auch einzeln besucht und gehört werden.
Das Programm geht nach dem Konzert in Münster auf Schweiztournee und wird nacheinander in Basel (19.9., Kaserne), Bern (20.9., PROGR) und in Zürich (27.9., Walcheturm) gespielt.

Programm:
13h — Türoffnung & Einführung
14-15h20 — Teil 1 – im störgarten
16-17h15 — Teil 2 – entwendete fenster
18-19h20 — Teil 3 – neophyten
20-22h00 — Teil 4 – eins
dazwischen und danach Zusammenkunft mit UMS’nJIP
Rolf Hermann durchstreift in seinem Lyrikband In der Nahaufnahme verwildern wir mehrere Landschaften gleichzeitig: jene seiner Erinnerungen, seiner Kindheit und Jugend, jene seiner Heimat, dem tiefen Tal, den steilen Hängen, und jene des Rilke im Wallis der 1920er Jahre. Es ist eine klare und vielschichtige Lyrik, die zeigt, wie sehr einem Sprachkunst in Ekstase versetzen, und wie leidenschaftlich Lyrik beim Schreiben und Lesen Lebenslust erzeugen kann.

Davon angesteckt haben UMS’nJIP 2022 bis 2026 Zyklus für Zyklus das ganze Buch vertont. Jahr für Jahr ein weiteres abendfüllendes Werk. Dabei hatten UMS’nJIP immer vor Augen, diese 4 Zyklen als Ganzes an einem Tag zu spielen und so die Möglichkeit zu bieten, einen ganzen Lyrikband am Stück live zu erleben.

In jedem Zyklus haben sie verschiedene Kompositionsverfahren angewendet: im störgarten ist in Anspielung auf den heute industriell überbauten Leukergrund ein langgezogener Denaturierungsprozess, bei welchem zarte analoge Klänge allmählich zu synthetisch verzerrten Klängen mutieren — das Growling im Abgesang, man fühlt sich dabei entfernt an Rammstein erinnert, hallt entsprechend lange nach.


Hermanns entwendete fenster ist von den 4 Zyklen der abstrakteste von allen. Hier bietet das Duo zwei nach strengen Verfahren durchkomponierte Vertonungen desselben an: einen von Mayer-Spohn und einen von Hagen. So hat das Publikum die Gelegenheit, diesen Zyklus zwar unter zwei verschiedenen Vorzeichen, dafür aber zweimal zu lesen (die Gedichte werden immer zeitgleich zum Mitlesen projiziert). Zwei unterschiedliche Perspektiven liegen dann vor, dies- und jenseits des Fensters, drinnen und draussen sozusagen. Oder wie bei Rolf Hermann, der die Fenster zeitgemäss zu Windows umdeutet: aus- oder eingeloggt.

Kontrapunktisch zu Rilkes 24 roses schreibt Hermann 24 Neophyten-Gedichte und verdichtet sie formal als Akrosticha. Beim Akrostichon leiten sich aus dem Titel des Gedichts die Anfangsbuchstaben jeder Zeile ab. Vital und wild wuchernd breitet sich Hermanns Sprache rhyzomartig aus. UMS’nJIP antworten darauf mit einer geführten Improvisation. Als Partitur für die 70minütige Komposition genügt eine einseitige Skizze mit einem Zeit- und Formdiagramm. Nicht mehr. Nicht weniger. Und die Genese nimmt dann ihren Lauf.

eins ist ein ausladendes urbanes Langgedicht und eine Ode Rolf Hermanns an Biel, dem Ort, wo der ganze Lyrikband entstand. Hermann antwortet damit auf Rilkes Quatrains Valaisans, die ebenfalls dem Ort seiner Inspiration gewidmet sind. UMS’nJIP schliessen den Zyklus-Reigen mit einer ebenfalls ausgedehnten Komposition ab: 126 Minuten dauert bei ihnen der schlafwandlerische, atmosphärische Spaziergang durch das nächtliche Biel. Kompositorisch spielen sie dabei Ping Pong, abschnittsweise wechseln sie sich ab und verweisen dabei immer wieder auch verspielt auf Material aus den ersten drei Zyklen. Wenn dann im Text zum Schluss des Tages in Zeitlupe von 10 auf 1 heruntergezählt wird, wird die aufgespannte Klang-Leinwand porös und löst sich im Nichts auf, exakt in der Spiegelung zum Material, wie Stunden zuvor der musikalische Tag begonnen hatte.
(pd, rm)
(Foto ganz oben: UMS’nJIP/eins (zvG UMS’nJIP)

