Olivier Kessler teilt gegen die Wirtschaftswissenschaften ausLeider fehlen ihm die Fachkenntnisse dazu
Eine Kolumne von Thomas Baumann
Olivier Kessler kämpft für das Richtige, aber er kämpft mit falschen Argumenten. So unlängst in der Weltwoche.
Da ihm grundlegende Kenntnisse in Volkswirtschaftslehre fehlen, versteht er die Materie nicht. Die Konsequenz: Er erzählt glatten Unsinn. Zum Beispiel: «Wann immer es kriselt und unerwünschte Ergebnisse zutage treten, hat der Markt versagt, und der Staat muss korrigierend eingreifen. Dieses Narrativ wird von keinem einzigen Lehrbuch der Mainstream-Ökonomie hinterfragt».
Diesem «Marktversagen» stellt er das «Staatsversagen» gegenüber. Zu Recht. Nur ist dieser Begriff in den Wirtschaftswissenschaften ebenfalls sehr wohl etabliert.
Marktversagen bedeutet in den Wirtschaftswissenschaften nicht, wie Olivier Kessler fälschlicherweise meint, dass der Markt Dinge produziert, welche gewissen Leuten nicht passen: Also zum Beispiel zu viel Schokolade und zu wenige Äpfel, so dass der Staat aus Sicht gewisser Leute zum Schutz der Volksgesundheit eingreifen muss.
Marktversagen bedeutet vielmehr, dass gewisse Güter auf einem freien Markt nicht angeboten werden, obwohl es unbestrittenermassen einen Bedarf nach diesen Gütern gibt. Genannt werden in diesem Zusammenhang oft die öffentliche Sicherheit und die Landesverteidigung.
In einem Nebensatz räumt Olivier Kessler selber ein, dass es solche öffentlichen Güter gibt. Hören wir ihm zu: «Die unbequeme Wahrheit ist daher: Der Staat versagt systematisch, wann immer er eine Zwangsfinanzierung anordnet. Das Gleiche gilt für Vorschriften – es sei denn, diese dienen dem besseren Schutz des Privateigentums.»
Eigentumsgarantie ist ein öffentliches Gut
«Es sei denn»… Ja exakt hier benennt er genau ein solches öffentliches Gut, ein sehr zentrales sogar, ohne das eine Marktwirtschaft nicht funktionieren kann: Die Eigentumsgarantie.
Olivier Kessler hat natürlich recht, dass der einzige Weg, um sicherzustellen, dass jeder Akteur durch einen Austausch bessergestellt ist, der gänzlich freie Vertragsabschluss ist. Niemand würde schliesslich einem Handel zustimmen, bei dem er verliert.
Wenn ich also einen Apfel in der Hand habe und der andere eine Birne und ich eigentlich lieber eine Birne essen möchte und der andere einen Apfel, dann wird es (hoffentlich) zum Tausch kommen.
Doch eine Volkswirtschaft besteht nicht bloss aus Äpfeln und Birnen, sondern zum Beispiel auch aus Autobahnen.
Die Bürger eines Landes mögen so zur Einsicht kommen, dass es eigentlich ganz gut wäre, wenn in ihrem Land eine Autobahn gebaut würde.
Nicht in meinem Hinterhof
Man plant also diese Autobahn und wenn die Pläne vorliegen, fragt die mit dem Bau beauftragte Gesellschaft jeden betroffenen Landbesitzer, ob er sein Land für den Bau der Autobahn verkaufen möchte.
Plötzlich ist den Betroffenen die eigene Scholle Land aber viel wichtiger als die Autobahn, welche sie zwar grundsätzlich schon zustimmen, aber eben nicht in ihrem Vorgarten — oder wie es auf Englisch heisst: ‹Not in my backyard› (NIMBY).
Freiwillige Vertragsabschlüsse kommen nicht zustande — und wenn, dann zu horrenden Preisen. Weil die Betroffenen — wie bei jedem freien Handel — selbstverständlich nicht etwa den ‹objektiven›, sondern den subjektiven Wert des aufgegebenen Gutes ersetzt haben wollen.
Steht also der Bau einer Autobahn in einem unauflösbaren Widerspruch zum einer Wirtschaft, die auf freiwilligen Vertragsabschlüssen beruht? Die Antwort lautet: Nein!
Der Grund dafür ist der sogenannte ‹Schleier der Ungewissheit›. Das durchschnittliche Individuum mag den Nutzen einer Autobahn für sich selber auf 1000 Franken schätzen.
Muss es dafür aber sein eigenes Land hingeben, erleidet es einen Verlust von einer Million Franken. (Das könnte auch der ideelle Verlust sein, der ihm nach Ersetzen des materiellen Schadens bleibt.) Zum Glück ist das Risiko, dass er sein Land für den Bau der Autobahn opfern muss, nur sehr gering, nämlich (annahmegemäss) 1 : 10’000 (0,01%).
Schleier der Ungewissheit
Wenn das Individuum nicht weiss, ob es sein Land für die Autobahn hergeben muss, wird es also den Nutzen der Autobahn gegen die mit der Wahrscheinlichkeit des Schadeneintritts (0,01%) multiplizieren Schadenshöhe aufwiegen: Dem Nutzen von 1000 Franken steht so ein durchschnittlicher erwarteter Schaden von 100 Franken gegenüber.
Hinter dem Schleier der Ungewissheit, wenn das Individuum also nicht weiss, ob der Autobahnbau genau sein Stück Land betrifft, lohnt sich also der Bau der Autobahn.
Dasselbe gilt für einen Militärflug- oder Truppenübungsplatz: Keiner möchte einen solchen gleich vor der Haustüre haben, aber jeder möchte im Kriegsfall doch vom Militär beschützt werden.
Das Problem ist, wenn der Schleier der Ungewissheit fällt: Gewisse Akteure erkennen plötzlich, dass sie zu den Verlieren gehören und wollen vom Geschäft verständlicherweise nichts mehr wissen.
Hier kommt nun der grosse Leviathan ins Spiel: Er setzt durch, dass die unter dem ‹Schleier der Ungewissheit› getroffenen Entscheide auch nach dem Fall des Fall des Schleiers durchgesetzt werden.
Natürlich, der ‹Schleier der Ungewissheit› ist ein ziemlich fiktives Konzept. Menschen schliessen sie nicht mehr auf der sprichwörtlichen grünen Wiese zu einer Gemeinschaft zusammen, die gewisse öffentliche Güter bereitstellen soll, wie weiland die drei Eidgenossen auf dem Rütli, die sich genau zur Bereitstellung eines solchen öffentliches Gutes verpflichteten: Der öffentlichen Sicherheit, dem Schutz vor gewalttätigen Invasoren.
Märkte können vieles regeln, aber nicht alles
Stattdesssen werden Menschen heutzutage in ein real existierendes Staatswesen hineingeboren. Aber der ‹Schleier der Ungewissheit› ist weiterhin das einige Konzept, das moralphilosophisch rechtfertigen kann, dass gewisse Projekte ausgeführt werden, obwohl bei bekannten Einsätzen nicht alle Beteiligten zustimmen würden.
Bei den Juristen läuft das Ganze natürlich unter dem oft strapazierten Begriff des «öffentlichen Interesses» — also dem Interesse, dass die Bevölkerung eine Autobahn hat und sich nicht ausschliesslich auf holprigen Landstrassen fortbewegen muss.
Denn die Alternative wäre: Keine Autobahnen, keine Truppenübungsplätze, wenn immer die Zustimmung aller vorausgesetzt würde. Das kann es ja auch nicht sein.
Das sich der Staatsapparat mittlerweile verselbständigt hat und in ungebührlicher Weise in der Leben seiner Bürgerinnen und Bürger eingreift: Das soll hier nicht bestritten werden.
Wenn sich Olivier Kessler allerdings über die Wirtschaftswissenschaften auszulassen müssen glaubt, sollten die Fakten bitteschön schon stimmen: Öffentliche Güter lassen sich nicht einfach auf privaten Märkten bereitstellen.
Märkte können (und sollen) vieles regeln, aber nicht alles: Das haben die Wirtschaftswissenschaften schon richtig erkannt.
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