
Filz-Verdacht: Walliser Justizrats-Präsident kündigt an, bei Untersuchung zu Crans-Montana in den Ausstand zu tretenFDP- und Couchepin-Seilschaften, Staatsanwaltschaft, Polizei, Anwälte und Justizrat im Fokus
Man kennt sich im Wallis und das ist auch gut so. Außer, man kennt sich zu sehr und die Zufälle häufen sich zu sehr. Und man kommt sich dort zu nahe, wo man sich gemäß Recht und Gesetz nicht zu nah kommen darf.
Es gibt eine auffällige Häufung von FDP-Vertretern aber auch von Vertretern der Familie Couchepin im Zusammenhang mit der Brandkatastrophe in Crans-Montana.
Schelte gab es sogar von Alt-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey aus Martinach. Diese äußerte, sie schäme sich wegen der Verhältnisse und sagte im Sonntagsblick: „Es muß Schluß sein mit kleinen Abmachungen und mit Verflechtungen zwischen Politik und persönlichen Interessen“.
Doch von Anfang an:
Die von FDP-Gemeindpräsident Nicolas Féraud, geleitete Gemeinde Crans-Montana hat einen Anwalt engagiert.Féraud, der auf öffentlichen Anlässen leider einen denkbar schlechten Eindruck machte und falsche Worte wählte, für die sich die Gemeinde Crans-Montana später entschuldigen mußte, wollte die Gemeinde als Opfer inszenieren.
Der Gesamtgemeinderat war einstimmig für die gleiche Strategie, als Nebenkläger aufzutreten. Jedenfalls ging dies schief, obwohl extra ein Anwalt genommen wurde. Crans-Montana durfte nicht als (Neben)-Kläger und gleichzeitig als Becshuldigte (Versäumnisse Brandschutz) auftreten.
Doch zu dem Anwalt. Genommen wurde als Rechtsberater für das Branddrama Gaspard Couchepin aus Martigny, zufälligerweise der Sohn von Alt-Bundesrat Pascal Couchepin (FDP). Seine Schwester ist zudem Stadtpräsidentin von Martinach und ebenfalls in der FDP.
Doch damit nicht genug, die Couchepin-Familie tauchte im Zuge der Brandkatastrophe von Crans-Montana auch an anderer Stelle noch auf und sorgte für Schlagzeilen.
Dies durch eine Handlung von der Walliser Staatsanwaltschaft, die die Kantonspolizei mit einem speziellen Auftrag versah.
Die Kantonspolizei Wallis hatte im Auftrag der Staatsanwaltschaft die Angehörigen der Todesopfer und (schwer) Verletzten von Crans-Montana eine Anwalts-Empfehlungsliste gegeben.
Soweit, so unüblich und ungewöhnlich. Doch das war nicht alles.
Einer der 3 Anwälte auf dieser Liste trug den Namen Couchepin. Basile Couchepin.
Dieser ist jedoch nicht ein einfacher Rechtsanwalt. Sondern hat noch eine andere einflußreiche Funktion. Und zwar eine im Walliser Justizrat.
Also in der der Aufsichtsbehörde über die Walliser Staatsanwaltschaft.
Und dort ist er nicht irgendwer. Nein, er ist auch noch der Präsident des Justizrats des Kantons Wallis.
Béatrice Pilloud entschuldigte sich öffentlich
Sie wollte Aufräumerin sein, sauber machen, „putzen“ und die Mißstände in der Walliser Justiz bereinigen, als eine solche Person präsentierte sie sich. Nun mußte sie sich entschuldigen.
Als all das ans Tageslicht kam und der Filz ruchbar wurde, sah sich die umstrittene Generalstaatsanwältin Béatrice Pilloud (FDP) gezwungen, sich zu entschuldigen.
Sie bezeichnete die Anwaltsliste als einen Fehler, bei der die Kantonspolizei Wallis im Auftrag der Staatsanwaltschaft Wallis ausgerechnet den Opfern der Brandkatastrophe einen Anwalt empfahl, der ja eigentlich die Staatsanwaltschaft VS beaufsichtigen sollte. Und als Präsident des Justizrates des Kanton Wallis notabene ausgerechnet dem Aufsichtsorgan, der Aufsichtsbehörde über die Staatsanwaltschaft Wallis vorsteht.
Der Enkel des früheren FDP-Bundeskanzlers François Couchepin war angeblich nicht informiert worden über die wohlwollende Empfehlung für neue Mandate durch die Opfer der Brandkatastrophe von Crans-Montana.
Er mußte nun ankündigen, sollte es zur Situation kommen, daß der Justizrat des Kantons Wallis die Handlungen der Staatsanwaltschaft Wallis im Fall der Brandkatastrophe untersuchen müsse, dann würde er in den Ausstand treten.
Und daß es dazu kommt, scheint von Tag zu Tag wahrscheinlicher.
Weniger wegen der Handlungen der Staatsanwaltschaft Wallis, sondern eher wegen der Nichthandlungen derselben bzw. der Unterlassungen, wie es juristisch heißt.
So schaute diese seelenruhig zu, wie Profile in sozialen Medien und andere Spuren verwischt wurden. Sie unterließ es, die Morettis festzunehmen oder zumindest einen der Morettis, damit sie sich nicht absprechen konnten. Sie unterließ es wahrscheinlich auch, rechtzeitig bei der Gemeinde Crans-Montana die Unterlagen der Brandschutzbehörde zu sichern und steht wegen vieler anderer Unterlassungen in der Kritik.
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(rm)
(Foto: Béatrice Pilloud, Kt. VS)

